Das Geisterschiff in der Oder: Wie Hitlers Flugzeugträger bei Stettin verschwand
Geisterschiff in der Oder: Hitlers Flugzeugträger bei Stettin

Das Geisterschiff in der Oder: Wie Deutschlands erster Flugzeugträger bei Stettin versteckt wurde

Die „Graf Zeppelin“, Deutschlands erster und einziger gebauter Flugzeugträger, lief am 8. Dezember 1938 in Kiel vom Stapel. Mit einer Länge von 262,5 Metern war das Schiff ein imposantes Vorhaben der Kriegsmarine, das jedoch niemals vollendet, in Dienst genommen oder mit eigener Maschinenkraft über das Meer gesteuert wurde. Statt den Atlantik zu erreichen, führte seine Reise über die Ostsee nach Gotenhafen und schließlich in einen Seitenarm der Oder bei Stettin, wo es zu einem versteckten Geisterschiff wurde.

Ein Großprojekt der Kriegsmarine zwischen Prestige und Fehlplanung

Der Name des Schiffs stand für ein ambitioniertes Großprojekt der Kriegsmarine, das Jagdflugzeuge, Sturzkampfbomber und Aufklärer einsetzen sollte. Der Bau begann 1936 in Kiel, und der Stapellauf Ende 1938 wurde mit großer propagandistischer Begleitung des NS-Regimes inszeniert. Schon damals zeigte sich ein grundlegendes Problem: Die „Graf Zeppelin“ war als Mischform aus Flugzeugträger und schwer bewaffnetem Kriegsschiff konzipiert.

Anders als ausländische Flugzeugträger erhielt sie eine ungewöhnlich starke Artilleriebewaffnung und Panzerung, was das Schiff schwerer machte und die Zahl der mitführbaren Flugzeuge verringerte. Während moderne Trägerkonzepte auf den Einsatz der Bordflieger setzten, dachte die deutsche Marineführung noch stark in Kategorien des klassischen Artilleriekriegs auf See, was den Entwurf in zentralen Punkten widersprüchlich machte.

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Hinzu kamen Kompetenzstreitigkeiten zwischen Kriegsmarine und Luftwaffe. Hermann Göring beanspruchte die Kontrolle über die fliegenden Verbände, während die Marine das Schiff verantwortete. Für ein Waffensystem, das auf enges Zusammenspiel zwischen Schiff und Flugpersonal angewiesen ist, war dies ein strukturelles Problem. Der Bau zog sich deshalb hin, wurde unterbrochen und immer wieder neu bewertet.

Verlegung in die Ostsee und nach Stettin

Mit Kriegsbeginn verschoben sich die Prioritäten. Der U-Boot-Bau erhielt Vorrang, Personal und Material wurden an anderer Stelle gebraucht. Ende April 1940 kam es zum ersten Baustopp. Der Träger war zu diesem Zeitpunkt weit fortgeschritten, aber noch nicht einsatzfähig. Als Kiel durch Luftangriffe bedroht war, entschied man, das Schiff in einen sicherer erscheinenden Ostseehafen zu verlegen.

Am 12. Juli 1940 wurde die „Graf Zeppelin“ über Saßnitz nach Gotenhafen geschleppt, wo sie fast ein Jahr lang lag. Auf Luftbildern aus jener Zeit ist der große, unfertige Rumpf im Hafen gut zu erkennen. Mit dem bevorstehenden deutschen Angriff auf die Sowjetunion änderte sich die Lage erneut. Aus Sorge vor sowjetischen Luftangriffen wurde das Schiff 1941 nach Stettin verlegt, später noch einmal nach Gotenhafen zurückgebracht, und 1943 nach einem endgültigen Baustopp erneut nach Stettin geschleppt.

Dort erhielt die „Graf Zeppelin“ ihren letzten festen Liegeplatz im Krieg: in einem Seitenarm der Oder, der Mönne, im Bereich des Dammschen Sees östlich von Stettin. Die Wahl des Ortes hatte praktische Gründe. Der unfertige Träger sollte abseits auffälliger Hafenlagen und besser vor Luftangriffen geschützt liegen. Damit wurde aus dem einst öffentlich inszenierten Prestigeprojekt ein versteckter Schiffskörper im Binnengewässer.

Das Ende in der Mönne und das spätere Schicksal

Zeitzeugen beschrieben den Anblick des Schiffs in den letzten Kriegswochen als gewaltig und düster. Der aus Zinnowitz stammende Joachim Neumann erinnerte sich später daran, wie er als Kind bei einer Flucht über die Oder den dunklen Rumpf in der Mönne sah. In der Stadt selbst stand das Schiff zu dieser Zeit nicht mehr im Mittelpunkt, da der Krieg mit Luftangriffen, Flucht und Versorgungskrise den Alltag bestimmte. Die „Graf Zeppelin“ war ohnehin nur noch eine unvollendete Hülle, deren Teile als Ersatzteillager für andere Einheiten der Kriegsmarine genutzt wurden.

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Als die Rote Armee im Frühjahr 1945 vorrückte, erhielt ein deutsches Sprengkommando den Auftrag, die „Graf Zeppelin“ unbrauchbar zu machen. Am 25. April 1945 wurde das Schiff an seinem Liegeplatz in der Mönne geflutet und auf Grund gesetzt, wobei Teile der Antriebsanlage zerstört wurden. Ziel war es, den Träger nicht intakt in sowjetische Hände fallen zu lassen. Aus einer später bekannt gewordenen Vollzugsmeldung des Marinenachrichtendienstes geht hervor, dass die Sprengung befohlen und ausgelöst wurde, obwohl der Ablauf nicht vollständig geklärt war.

Nach dem Krieg hoben sowjetische Stellen das Wrack im März 1947. Für kurze Zeit diente das Schiff als Wohnschiff für eine Spezialabteilung, die Beuteschiffe und Konstruktionsunterlagen auswertete. Danach wurde entschieden, den Träger nicht weiterzuverwenden. Im Juni 1947 schleppte man den Rumpf in die Ostsee und nutzte ihn als Zielschiff für Waffenversuche, bevor die „Graf Zeppelin“ durch sowjetische Torpedos versenkt wurde. Jahrzehntelang blieb unklar, wo genau das Wrack lag, bis es 2006 in rund 80 Metern Tiefe vor der Danziger Bucht entdeckt wurde.

Damit endete die Geschichte des einzigen deutschen Flugzeugträgers dort, wo ein großer Teil seiner letzten Jahre verbracht worden war: im Raum Ostsee. Kiel, Gotenhafen, Stettin, Swinemünde und schließlich die Danziger Bucht markieren die wichtigsten Stationen eines Schiffs, das nie in Dienst gestellt wurde und dennoch einen langen und geheimnisvollen Weg hinter sich hatte.