Wie jüdische Badegäste an der Ostseeküste systematisch verdrängt wurden
Jüdische Badegäste an der Ostsee: Systematische Verdrängung

Wie jüdische Badegäste an der Ostseeküste systematisch verdrängt wurden

Im Heimatmuseum Warnemünde wird derzeit eine tiefgründige Sonderausstellung präsentiert, die den Titel „Ob die Möwen manchmal an mich denken? Die Vertreibung jüdischer Badegäste an der Ostsee“ trägt. Diese Ausstellung, die auf dem gleichnamigen Buch von Kristine von Soden aus dem Jahr 2018 basiert, beleuchtet ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte. Sie zeichnet die Präsenz jüdischen Lebens an der Ostseeküste nach und dokumentiert die wachsende Ausgrenzung seit den 1930er-Jahren mit historischen Tafeln, digitalen Elementen und einer Hörstation.

Antisemitismus mit Heiligenschein: Der schleichende Prozess der Ausgrenzung

Bereits im Eingangsraum der Ausstellung wird deutlich, dass es sich um einen schleichenden Prozess handelte, der Ende der 1920er Jahre begann. Einige Warnemünder Pensionen, wie das „Haus Seerose“, schrieben in ihren Annoncen und Broschüren explizit, dass jüdische Gäste nicht willkommen seien, mit Sätzen wie „Juden finden keine Aufnahme“. Andere Betreiber betonten den exklusiven, „christlichen“ Charakter ihrer Häuser, was eine indirekte, aber in der Wirkung genauso brutale Form der Ausgrenzung darstellte. Christoph Wegner, der Leiter des Heimatmuseums, bezeichnet dies als Antisemitismus mit Heiligenschein.

Die Radikalisierung unter dem NS-Regime

Mit der zunehmenden Radikalisierung des Nationalsozialismus verschärfte sich der Druck auf jüdische Badegäste erheblich. In der Ausstellung werden Reisebroschüren mit Hakenkreuzen gezeigt, die diese Entwicklung verdeutlichen. „Juden sind unerwünscht“-Schilder an der heutigen Parkstraße und Verbote am Herrenbad belegen die systematische Diskriminierung. Spätestens 1935/36, im Umfeld der Nürnberger Gesetze, entstand eine Dynamik „von unten“, bei der Ortsgruppen und Kreisleitungen in einen Wettlauf traten, welcher Ort am schnellsten „judenfrei“ sei.

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Alltag, Anzeigen und Ausgrenzung in den lokalen Medien

Der braune Ungeist spiegelte sich auch in den lokalen Zeitungen wider. Während ein jüdischer Kaufmann wie Julius Kychenthal im „Warnemünder Bade-Anzeiger“ zu Beginn der 1930er Jahre noch Werbung für sein Kaufhaus schalten konnte, änderte sich der Ton mit dem Ende der Weimarer Republik drastisch. Die Leser wurden nun als „Volksgenossen“ adressiert, wobei Juden bewusst ausgeschlossen wurden. Die Ausstellung zeigt nicht nur Warnemünde, sondern auch andere mecklenburgische Ostsee-Bäder wie Kolberg, in denen Juden ähnlich ausgeschlossen wurden.

Jüdische Badegäste zwischen guter Laune und Tragödie

Ein weiterer Aspekt der Ausstellung ist die Darstellung jüdischer Ostseeliebhaber wie Kurt Tucholsky, der in jungen Jahren nach Warnemünde reiste und in seinem Roman „Schloss Gripholm“ der Zugverbindung Berlin-Warnemünde ein literarisches Denkmal setzte. Eine Fotoaufnahme zeigt den jungen Tucholsky vergnügt am Warnemünder Strand, doch auch ihm verdarben die Nazis die Reiselust. Als visueller Abschluss präsentiert die Schau ein vergrößertes Strandfoto der jüdischen Schwestern Sonnenschein mit Cousine in fröhlicher Urlaubslaune, die später nach Auschwitz deportiert und ermordet wurden.

Widerstand und Reflexion

Widerstand aus Warnemünde ist den Ausstellungsmachern nicht bekannt, obwohl der Unternehmer und liberale Abgeordnete Friedrich Karl Witte sich 1932 beim Rostocker Oberbürgermeister über einen Boykottaufruf beschwerte – Konsequenzen blieben jedoch aus. Am Ausgang der Ausstellung können Besucher auf Zetteln ihre eigenen Gedanken notieren, um sich mit der tragischen Wucht der Geschichte auseinanderzusetzen. Die erkenntnisreiche Sonderausstellung ist noch bis zum 14. Juni zu sehen und bietet einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung dieser dunklen Zeit.

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