Die lange Chronik der Katastrophen: Militärjet-Abstürze in Vorpommern
Im idyllischen Nordosten Deutschlands, insbesondere in Vorpommern, gab es während der DDR-Zeit eine bemerkenswert hohe Anzahl von Flugzeugabstürzen und tödlichen Vorfällen mit Militärjets. Diese Region war geprägt von intensivem militärischem Flugbetrieb, der oft tragische Konsequenzen hatte. Viele dieser Ereignisse blieben aufgrund strikter Geheimhaltung lange im Verborgenen und wurden erst nach der Wende näher beleuchtet.
Militärische Präsenz und Geheimhaltung
Der Raum Neubrandenburg sowie die Insel Usedom mit dem angrenzenden Festland standen im Mittelpunkt des Geschehens. Auf dem Flugplatz Trollenhagen bei Neubrandenburg war seit den frühen 1960er Jahren das Jagdfliegergeschwader 2 der Nationalen Volksarmee stationiert, während in Peenemünde an der Ostsee das JG 9 seinen Sitz hatte. Zusätzlich dienten die Flugplätze Garz und Tutow häufig als Ausweichstandorte, wobei Tutow eigentlich unter sowjetischer Kontrolle stand.
In der DDR herrschte bei Havarien oder Katastrophen außerhalb der Militärgelände größtmögliche Geheimhaltung. Die Bevölkerung erfuhr nur wenig über die Vorgänge, sodass viele Vorfälle erst nach der Wiedervereinigung durch ehemalige Angehörige der Fliegertruppen, örtliche Chronisten und Internetforen aufgearbeitet werden konnten. Dennoch bleiben bis heute einige Unklarheiten bestehen.
Umfangreiche Verlustlisten und Quellen
Laut dem Buch „11-80, katapultieren Sie!“ von Thomas Bußmann, Horst Kleest und Lutz Freundt, das die gesamte DDR-Militärluftfahrt beleuchtet, gab es für die 1956 gegründete NVA insgesamt 120 tödliche Vorfälle mit Luftfahrzeugen. Hinzu kamen deutlich mehr Brüche und Havarien. Für das JG 9 gilt „MiGs über Peenemünde“ von Manfred Kanetzki als ausführlichste gedruckte Quelle, während für das JG 2 das Buch „30 Jahre Starten und Landen“ von Gunter Harzbecher, Hans Joachim Hardt und Karl-Erich Hauschildt maßgeblich ist.
Frühe Abstürze und tödliche Notlandungen
Bereits im Juni 1960 ist ein erster Crash aus Tutow vermerkt, bei dem eine Jak-11 nach der Landung mit einem Kraftfahrzeug kollidierte. Nur fünf Tage später ging eine MiG-17F aufgrund einer zu hohen Aufsetzgeschwindigkeit kaputt. Der erste Verlust eines NVA-Piloten in der Region ereignete sich am 16. März 1961, als ein Unterleutnant mit seiner MiG-17F bei einer Notlandung in Trollenhagen ums Leben kam.
Rund drei Monate später starb ein Pilot nordöstlich von Woldegk beim Tiefflug mit einer Schwestermaschine. Am 9. Juni 1961 zerschellte ein Düsenjäger aus Peenemünde nahe der Hafeneinfahrt Swinemünde in der Ostsee, und im Juli prallte ein anderes Mitglied dieser Einheit gegen die Steilküste bei Koserow.
Katastrophen bei der Einführung der MiG-21
Die Einführung der MiG-21 im Jahr 1965 brachte besondere Herausforderungen mit sich. Das Peenemünder Geschwader war von März bis November in Tutow stationiert, wo höhere Anforderungen und technische Probleme zu zwei katastrophalen Abstürzen führten. Am 23. Juni ging eine MiG-21 nordwestlich von Görmin auf einem Acker nieder, wobei der Leutnant an Bord ums Leben kam. Dieser Vorfall ist bis heute in der Region kaum bekannt.
Anders verhält es sich mit dem Absturz von Geschwaderkommandeur Günter Schmidt am 13. August in Sassen. Der Major musste seine Maschine kurz nach dem Start aufgeben, katapultierte sich erfolgreich, erlitt aber tödliche Verletzungen. Die explodierende MiG setzte am Dorfrand einen LPG-Hühnerstall und eine große Scheune in Brand, doch durch ein Wunder kamen keine anderen Personen zu Schaden.
Weitere Vorfälle und tragische Ereignisse
Im August 1967 musste der Führer einer MiG-21PFM nach einem Triebwerksausfall aussteigen und zusehen, wie der Jet bei Burow niederging. Ende April 1969 schmierte ein baugleiches Exemplar bei einem Kunstflug-Einsatz im Raum Jarmen-Anklam ab, wobei der Pilot überlebte. Tragisch endete hingegen eine Flugvorführung im Oktober 1971 in Garz, bei der ein Hauptmann nach einem Strömungsabriss in den Tod stürzte.
Für öffentliches Aufsehen sorgte auch der Absturz eines MiG-23-Doppelsitzers zwischen Greifswald und Wolgast im Mai 1986, nachdem der Jet Baumwipfel gestreift hatte. Die Crew konnte sich retten. Anders verlief es am 12. September 1989 bei Anklam, wo eine Aero L-39 „Albatros“ in Not geriet. Fehleinschätzungen führten dazu, dass Fluglehrer und Schüler bei der Betätigung des Schleudersitzes tödliche Verletzungen erlitten.
Die letzte Flugkatastrophe der DDR
Die buchstäblich allerletzte Flugkatastrophe der DDR ereignete sich am 13. September 1990 in Vorpommern, nur wenige Tage vor der Wiedervereinigung. Ausgerechnet vor Mitgliedern des Bundestages, die zu Gesprächen auf dem Stützpunkt Peenemünde weilten, verlor ein Pilot einer MiG-23 beim Hochziehen und Rollen in den Wolken die räumliche Orientierung und stürzte in den Greifswalder Bodden. Der Major hinterließ eine Frau und drei Kinder.
Nach der Wende: Abstürze in deutschen Diensten
Es war nicht der letzte Düsenjet sowjetischer Produktion, der in deutschen Diensten abstürzte. Nach der Wiedervereinigung übernahm die Bundeswehr 24 MiG-29, die erst 1988/89 bei der DDR gelandet waren. Diese modernsten Jäger wurden bei der NATO-Luftverteidigung eingesetzt. Eine davon verunglückte am 25. Juni 1996 in Mecklenburg-Vorpommern, als der Pilot nach einem absichtlich eingeleiteten Flachtrudeln die Kontrolle verlor. Er rettete sich mit dem Schleudersitz, während der Jet im Trebeltal zwischen Demmin und Dargun in einer Wiese einschlug und brannte.
Insgesamt zeigt diese Chronik, wie der tödlichste Beruf der DDR in Vorpommern eine Spur der Verwüstung hinterließ, die bis heute in Erinnerung bleibt.



