Ostsee-Heringe: Ein starker Jahrgang könnte die Rettung bringen
Seit 2022 gelten in der westlichen Ostsee drastische Einschränkungen für die Heringsfischerei. Fischer dürfen nur noch mit passiven Geräten wie Stellnetzen und Reusen arbeiten und müssen ihre Fänge genau dokumentieren. Der Grund: Der Heringsbestand ist aktuell nur noch halb so groß wie eigentlich notwendig wäre, wie Christopher Zimmermann, Leiter des Thünen-Instituts für Ostseefischerei, im Gespräch mit dem Nordkurier erläutert.
Kalter Winter als Chance für die Erholung
Doch jetzt gibt es einen Hoffnungsschimmer. Der diesjährige frühe und kalte Winter könnte sich positiv auf den Heringsbestand auswirken. Zimmermann erklärt: „Ein kalter und früherer Winter stellt den Normalfall von vor 30 Jahren wieder her. Das heißt, wir haben die Hoffnung, dass wir einen stärkeren Jahrgang bekommen.“ Sollte dies eintreten, könnten bereits in drei Jahren wieder mehr ausgewachsene Tiere in der Ostsee schwimmen.
Das Problem der letzten Jahre war der Klimawandel. Heringe verfügen über einen eingebauten Temperaturmesser – bei Wassertemperaturen über vier Grad beginnen sie mit dem Laichen. In den vergangenen Wintern trat dieser Fall immer früher ein, was fatale Folgen hatte.
Das Dilemma der zu frühen Larven
„Und das führt in der Summe dazu, dass viel früher Heringslarven auftreten, die etwas zu fressen brauchen“, so Zimmermann. Zu diesem Zeitpunkt gibt es jedoch noch keine ausreichende Nahrung, da die Nahrungsgrundlage – Larven von Kleinkrebsen – lichtgesteuert entsteht und wie vor drei Jahrzehnten später im Jahr verfügbar wird. Die Folge: Die jungen Heringe kommen zu früh zur Welt und verhungern.
Hinzu kommt, dass die Fangmengen nicht rechtzeitig angepasst wurden, was zu einer Überfischungssituation führte. Mittlerweile wird der Bestand zwar nicht mehr überfischt, doch die Ausgangslage bleibt prekär. Die Fangquote lag im vergangenen Jahr bei lediglich 435 Tonnen – ein Bruchteil der früheren 20.000 Tonnen.
Existenzielle Krise für die Küstenfischerei
Die Ostseeküstenfischerei befindet sich laut Zimmermann in der größten Krise der letzten 35 Jahre. „Für unsere Küstenfischerei ist das eine existenzielle Bedrohung“, betont er, da auch andere Fischarten wie der Dorsch in keinem guten Zustand seien und sich voraussichtlich in den nächsten 20 bis 30 Jahren nicht erholen werden.
Doch beim Hering stehen die Chancen etwas besser. Neben dem Klimawandel haben auch Überdüngung der Ostsee und Küstenbebauung den Bestand reduziert. Die aktuellen strengen Vorgaben sollen nun eine Erholung ermöglichen.
Ob der erhoffte starke Jahrgang in diesem Jahr tatsächlich eintritt, wird sich erst im November zeigen. Zimmermann bleibt vorsichtig optimistisch: „Ein einziger starker Jahrgang kann diesen Bestand wieder erholen.“ Für die Fischer an der Ostseeküste könnte dies der Wendepunkt sein, auf den sie seit Jahren warten.



