Ostsee leidet unter schwerer Nährstoffhypothek - Verbesserung bleibt aus
Ostsee: Nährstoffhypothek belastet Ökosystem langfristig

Ostsee kämpft mit schwerer ökologischer Hypothek

Die Ostsee bleibt ein ökologisch schwer angeschlagenes Binnenmeer. Obwohl die Anrainerstaaten erhebliche Anstrengungen unternommen haben, um die Nährstoffzufuhr zu reduzieren, wird das Meer noch lange unter den bisherigen Einträgen leiden müssen. Eine aktuelle Studie des Leibniz-Instituts für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) zeigt, dass die Ostsee nicht nur aktuell überdüngt ist, sondern auch eine schwere Hypothek aus der Vergangenheit mit sich schleppt.

Nährstoffreduktion zeigt kaum Wirkung

Schutzprogramme wie der Baltic Sea Action Plan haben zwar zu messbaren Erfolgen geführt. Die Phosphorfrachten der Flüsse sind seit den 1980er-Jahren um etwa 50 Prozent gesunken, bei Stickstoff beträgt der Rückgang rund 30 Prozent. Konkret wurden 1995 noch über 20.000 Tonnen Gesamtphosphor in die zentrale Ostsee eingetragen, 2017 waren es nur noch etwa 12.400 Tonnen. Die Stickstoffeinträge verringerten sich im gleichen Zeitraum von rund 520.000 Tonnen auf knapp 400.000 Tonnen.

Trotz dieser positiven Entwicklungen zeigt sich bis heute keine durchgreifende Verbesserung der Wasserqualität in den Oberflächenbereichen. Joachim Kuss und weitere Autoren der IOW-Studie haben wissenschaftliche Erkenntnisse und Langzeitdaten aus mehr als sechs Jahrzehnten ausgewertet und kommen zu einem ernüchternden Ergebnis.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Die Hypothek am Meeresboden

Die eigentliche Problematik liegt in einer Art Nährstoffhypothek am Boden der Ostsee. Durch sauerstofffreie Zonen, die zuletzt immer größer geworden sind, werden Nährstoffe aus dieser Hypothek freigesetzt. Das geschieht durch Reduktion von Eisen und Mangan, die Phosphat mineralisch gebunden haben, sich aber nun auflösen, erklärt Kuss. Diese Freisetzung von am Meeresboden gespeichertem Phosphat stellt ein enormes Problem dar.

Als Gegenmaßnahme fordert der Wissenschaftler eine deutliche Verminderung der Sauerstoffarmut im Tiefenwasser. Eine Einschränkung der Ausbreitung sauerstofffreier Bodenwasserbereiche würde die Auflösung der Phosphat-Mineralien vermindern und damit die ökologische Lage spürbar verbessern.

Sauerstoffarmut und ihre Ursachen

Die Sauerstoffarmut in der Tiefe wird durch gewaltige Mengen an organischem Material verursacht, das auf den Meeresboden sinkt und von Mikroorganismen abgebaut wird. Um übermäßige Algen- und Cyanobakterienblüten zu verhindern, betont Kuss die Notwendigkeit einer deutlichen Reduzierung der Nährstoffeinträge in das Oberflächenwasser.

Ein großer Einstrom von sauerstoffreichem Wasser aus der Nordsee in die Tiefe der zentralen Ostsee kann zwar vorübergehend Verbesserungen bringen. Dabei wird altes Wasser in Richtung Oberfläche transportiert und angesammelte Nährstoffe werden nach oben befördert, was für wenige Jahre die Nährstoffverfügbarkeit im Oberflächenbereich erhöht. Gleichzeitig wird im Tiefenwasser Phosphat durch nun verfügbares oxidiertes Eisen und Mangan gebunden, was die Phosphatverfügbarkeit über mehrere Jahre vermindert.

Klimawandel verschärft die Situation

Der Klimawandel wirkt sich in diesem Zusammenhang zusätzlich negativ aus. Wärmeres Oberflächenwasser stabilisiert die Schichtung der Ostsee und verstärkt die Barriere für den Sauerstofftransport in tieferes Wasser. Da wärmeres Wasser spezifisch leichter ist, sind Einströmungen weniger in der Lage, tief in die zentralen Becken der Ostsee vorzudringen.

Die Oberflächentemperaturen des zentralen Gotland-Beckens sind seit 1960 im Durchschnitt um fast zwei Grad gestiegen. Modellierungen zeigen, dass sich auch tiefe Wasserschichten erwärmen, was auf häufigere Einstromereignisse im Sommer zurückzuführen ist. Da wärmeres Wasser weniger Sauerstoff löst als kaltes, ist das Potenzial dieser sommerlichen Einströme zur Belüftung der tiefen Ostseebecken geringer als das der Wintereinströme. Zudem wird bei sommerlichen Einströmungen Sauerstoff schneller verbraucht, was zu wachsenden Todeszonen mit sehr geringem Sauerstoffgehalt führt.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Schutz der Übergangszonen

Große Bedeutung messen die Autoren der Studie dem Schutz von Übergangszonen zwischen Flüssen und Meer bei. Diese wertvollen Ökosysteme mit Seegraswiesen und Algenbänken sorgen für die Aufnahme von Nährstoffen, die durch die Flüsse geliefert werden. Das gesamte Ökosystem im flachen Wasser von vielen Kilometer Länge mit bester Lichtversorgung für Wasserpflanzen speichert quasi im Boden und in der vorhandenen Biomasse Nährstoffe, die sonst ins Meer getragen würden, so Kuss.

Politische Maßnahmen

2024 hatte sich die schwarz-grüne Koalition in Schleswig-Holstein auf die Einrichtung neuer Schutzgebiete in der Ostsee geeinigt. Landwirte im Einzugsgebiet der Ostsee sollen die Einträge von Stickstoff und Phosphat bis zum Jahr 2030 um 10 Prozent und bis 2035 um 20 Prozent verringern.

Die Umweltorganisation BUND fordert vor allem einen Wandel in der Landwirtschaft, um den Nährstoffeintrag in die Ostsee zu verringern. So sollte auf einer Fläche maximal zehn Prozent weniger gedüngt werden, als die dort wachsenden Pflanzen benötigen.

Ein Frischwassereinbruch nach dem Winter mit langer Ostwindphase könnte der Ostsee zwar etwas Luft verschaffen, doch die grundlegenden Probleme bleiben bestehen. Sobald das Eis getaut und der Winter vorbei ist, wird sich die hohe Nährstoffbelastung wieder in verstärktem Algenwachstum zeigen.