Rettungsaktion in der Ostsee: Buckelwal auf dem Weg zur Nordsee
Der aus einer flachen Bucht vor Wismar geborgene Buckelwal wurde in eine stählerne Barge verladen und wird nun Richtung Nordsee transportiert. Viele Menschen jubelten über die erfolgreiche Bergung, doch Experten sehen schwarz: Das geschwächte Tier werde im offenen Meer mit hoher Wahrscheinlichkeit sterben.
Hintergründe zur Rettungsaktion
Die private Initiative hatte den Wal nach wochenlangem Feststecken in der Bucht der Insel Poel geborgen. Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus sprach von einem gelungenen Versuch. Doch das Verladen war nur ein Zwischenschritt. Der tagelange Transport um die Nordspitze Dänemarks durch das Skagerrak steht noch bevor, und vor allem muss der Wal langfristig überleben.
Zweifel an der Überlebenschance
Der Meeresbiologe und Walforscher Fabian Ritter bezweifelt, dass der Wal nach der langen Liegezeit noch normal schwimmen und tauchen kann. Auch die Nahrungsaufnahme sei fraglich, da in seinem Maul Netzteile gefunden wurden. Das Deutsche Meeresmuseum in Stralsund berichtet, dass Bartenwale mit Netzresten in den Barten oft die Nahrungsaufnahme verweigern. In Großbritannien und Kanada seien solche Fälle bekannt, bei denen die Tiere strandeten und starben.
Experten zum Ausgang
Der Wal war Anfang März erstmals in der Ostsee gesichtet worden und lag rund zwei Drittel der Zeit in Flachwasserzonen. Das Deutsche Meeresmuseum erklärt, dass Großwale bei Erschöpfung flache Küstengewässer aufsuchen. Die Tierschutzorganisation Whale and Dolphin Conservation (WDC) betont, dass man erst von einer Rettung sprechen könne, wenn der Wal langfristig im Nordatlantik überlebt, selbstständig Nahrung findet und sein natürliches Verhalten zeigt. Nach WDC-Einschätzung hat er keine langfristigen Überlebenschancen. Auch die Internationale Walfangkommission (IWC) geht davon aus, dass das Tier nach dem Freisetzen kaum überleben wird.
Freilassung in der Nordsee
Die Privatinitiative plant, den Wal in der Nordsee freizulassen, doch der genaue Ort stand zunächst nicht fest. Das Meeresmuseum sieht große Risiken: Das geschwächte Tier könne im offenen Meer keine Möglichkeit finden, sich abzulegen, und ertrinken. WDC kritisiert, dass keine Details zur Freilassung und Wiedereingliederung bekannt sind. Es sei zu hoffen, dass ein Konzept existiert. Nach der Freilassung müsste der Wal eigenständig in den Nordatlantik reisen, was aufgrund der Gefahren wie Lärm, Fischerei und Schiffsverkehr in der Nordsee schwierig sei.
Aktueller Zustand des Wals
Backhaus behauptete, der Wal fühle sich „pudelwohl“ in der Barge, doch Experten widersprechen. Der Gesundheitszustand sei grundsätzlich nicht gut, so Ritter. Der Wal habe sich in Netzen verfangen, sei wochenlang herumgeirrt und habe fünf Selbststrandungen hinter sich. Sein Verhalten sei stark passiv, im Gegensatz zu gesunden Buckelwalen, die dynamische Schwimm- und Sprungbewegungen zeigen. Der Transport könnte zusätzlichen Stress verursachen, insbesondere durch die Lautstärke im vielbefahrenen Fehmarnbelt. WDC warnt vor Fangmyopathie, einem stressbedingten Muskelabbau.
Verfolgung des Schicksals
Der Wal wurde mit einem Sender ausgestattet, der unter Wasser nicht funktioniert. Die Privatinitiative will einen neuen GPS-Sender anbringen. Ohne funktionierenden Sender würde ein mögliches Verenden unbemerkt bleiben. Die Standortdaten werden nur dem Team und dem Umweltministerium zur Verfügung gestellt, um Schaulustige fernzuhalten. Das Meeresmuseum fordert eine langfristige Dokumentation mit öffentlich zugänglichen Trackerdaten und Live-Videomaterial, um wertvolle Erfahrungen zu sammeln. Eine erfolgreiche Rettung ließe sich nur durch eine eindeutige Identifizierung des Wals in den nächsten Jahren in seinen Nahrungs- oder Paarungsgebieten bestätigen.



