Ostsee-Wale bewegten Menschen seit Jahrhunderten: Von Unheilszeichen zu Kunstwerken
Ostsee-Wale: Jahrhundertealte Faszination und Symbolik

Ostsee-Wale: Jahrhundertealte Faszination zwischen Furcht und Bewunderung

Nicht nur in der Gegenwart, sondern bereits seit vielen Jahrhunderten lösen gestrandete Wale an der Ostseeküste tiefe Emotionen und intensive Reaktionen bei den Menschen aus. Der Blick auf diese majestätischen Meeressäuger hat sich im Laufe der Zeit jedoch grundlegend gewandelt, wie der Greifswalder Kirchenhistoriker Irmfried Garbe im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur erläutert.

Historische Wal-Funde und ihre symbolische Bedeutung

Derzeit beschäftigt ein vor Wismar gestrandeter Buckelwal viele Menschen, doch solche Ereignisse haben bereits in vergangenen Jahrhunderten die Bewohner der Ostseeküste stark bewegt. Davon zeugen eindrucksvolle Wal-Darstellungen in Greifswalder Kirchen, die bis heute erhalten sind. „Das ist auch in alter Zeit so gewesen, dass das sozusagen als Faszinosum und als Wunder dann gesehen wurde“, erklärt Garbe. Das unerwartete Auftauchen dieser riesigen Tiere an der Küste wurde früher häufig als unheilvolles Vorzeichen interpretiert.

Ein besonders bedeutendes Ereignis datiert auf den 30. März 1545, als in Greifswald-Wieck ein Schwertwal angespült wurde. Eine Wandmalerei in der Greifswalder Marienkirche dokumentiert den tiefen Eindruck, den dieses gewaltige Geschöpf auf die damaligen Zeitgenossen machte. Im Jahr 2009 entdeckten Restauratoren zudem im Greifswalder Dom St. Nikolai Spuren einer über sieben Meter langen Wal-Darstellung. Historischen Quellen zufolge erhielten nach diesem spektakulären Fund alle drei Greifswalder Kirchen entsprechende Darstellungen, wobei in der Kirche St. Jacobi bislang keine vergleichbaren Abbildungen aufgetaucht sind.

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Zwischen biblischer Rettung und schrecklichem Vorzeichen

Der Greifswalder Wal-Fund fiel in die turbulente Zeit der Reformation und wurde im Nachhinein mit Blick auf das schwierige Jahr 1546 gedeutet, das unter anderem das Todesjahr Martin Luthers markiert. Garbe berichtet von einer im 17. Jahrhundert in Stettin gehaltenen „Walfischpredigt“, die sich um den Wal als „schreckliches Vorzeichen“ drehte.

Doch die Symbolik der Wale war keineswegs ausschließlich negativ geprägt. Der Kirchenhistoriker verweist auf die biblische Jona-Geschichte, in der der Protagonist von einem Wal gerettet wird. „Also der Wal hat nicht nur ein negatives Vorzeichen, sondern er ist auch ein Heilszeichen“, betont Garbe. Diese ambivalente Bedeutung erklärt, warum Walknochen laut historischen Überlieferungen oft in Kirchen ausgestellt wurden.

Vom religiösen Symbol zum naturwissenschaftlichen Objekt

Wale besaßen über lange Zeiträume hinweg eine enorme symbolische Bedeutung, die sich in der Gegenwart grundlegend verändert hat. „Man sieht gar nicht mehr symbolische Ebenen, sondern man sieht nur noch naturwissenschaftliche Ebenen und springt sozusagen in emotionale Ebenen“, analysiert Garbe den heutigen Blick auf die Meeressäuger. Dennoch bleibt die Faszination ungebrochen: „Aber natürlich ist es spannend, wenn ein Tier der biblischen Überlieferung uns immer noch bewegt, und das tut es.“

Moderne Kunst erinnert an historische Ereignisse

An die bewegte Geschichte des Greifswalder Wals erinnerte im Jahr 2021 eine beeindruckende Kunstaktion im Dom St. Nikolai. Damals wurde in der Kirche eine 14 Meter lange Wal-Skulptur des israelischen Künstlers Gil Shachar installiert, die den Abguss eines in Südafrika angeschwemmten Buckelwals darstellte. An der detailgetreuen Nachbildung waren Bissspuren von Haien und Schnittwunden von Schiffsschrauben deutlich zu erkennen.

Der Direktor des Deutschen Meeresmuseums in Stralsund, Burkard Baschek, bestätigt, dass Großwale bereits vor Jahrhunderten in der Ostsee strandeten. Ein beeindruckendes Zeugnis dieser historischen Ereignisse ist das Skelett eines Finnwals, der vor mehr als 200 Jahren vor Rügen strandete. Dieses imposante Exponat hängt heute im Meeresmuseum in Stralsund, im Chor der Katharinenhalle des ehemaligen Klosters, und verbindet auf einzigartige Weise naturwissenschaftliche Dokumentation mit kulturhistorischer Bedeutung.

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