Vom Luxusliner zum Ostsee-Wrack: Das erstaunliche Schicksal zweier Schwesternschiffe
Rostock/Sassnitz • Die maritime Geschichte der deutschen Ostseeküste bewahrt ein faszinierendes Kapitel über zwei Schwesterschiffe, deren Lebensläufe von technischer Innovation, kriegerischer Zerstörung und unerwarteter Wiedergeburt geprägt sind. Die Passagierschiffe Albert Ballin und Hamburg, einst Stolz der Hamburg-Amerika Linie, erlebten ein Jahrhundert voller dramatischer Wendungen.
Geburt als Symbole des Wiederaufbaus
Die Albert Ballin lief am 16. Dezember 1922 bei Blohm & Voss in Hamburg vom Stapel – ein moderner Passagierdampfer, der für die Route Hamburg–New York konzipiert war. Mit knapp 200 Metern Länge und Platz für über 1.600 Passagiere galt sie als technisch fortschrittlichstes Schiff ihrer Zeit. Benannt nach Albert Ballin, dem langjährigen Generaldirektor der Hapag, symbolisierte sie den Neubeginn der deutschen zivilen Schifffahrt nach dem Ersten Weltkrieg.
Ihr Schwesterschiff Hamburg folgte 1926 aus derselben Werft und teilte die ambitionierte Konstruktion. Beide Schiffe verkörperten die maritime Ambition der Weimarer Republik in einer Ära des transatlantischen Reisens.
Politische Umbenennung und Kriegseinsatz
1935 ordneten die nationalsozialistischen Behörden die Entfernung des jüdischen Namensgebers an, woraufhin die Albert Ballin in Hansa umbenannt wurde. In ihren letzten Friedensjahren befuhren beide Schiffe Atlantikrouten und dienten im Kreuzfahrtbetrieb, bevor sie im Zweiten Weltkrieg als Wohnschiffe der Kriegsmarine requiriert wurden.
Ende Januar 1945 begann ihr letzter großer Einsatz: die Evakuierung aus den Ostgebieten. Am 30. Januar lief die Hansa aus Gotenhafen aus – zeitgleich mit der berüchtigten Wilhelm Gustloff. Beide Schiffe waren mit Tausenden Flüchtlingen hoffnungslos überladen. Doch während die Gustloff in derselben Nacht versenkt wurde, fiel die Hansa wegen eines Maschinenschadens vor Hela aus. Diese Verzögerung rettete etwa 7.500 Menschen an Bord.
Dramatische Untergänge in der Ostsee
In den folgenden Wochen unternahm die Hansa weitere Evakuierungsfahrten. Am 6. März 1945 detonierte vor Gedser eine Mine in unmittelbarer Nähe des Schiffsrumpfs. Der schwer beschädigte Dampfer entwickelte Schlagseite, konnte aber evakuiert werden. Beim Schleppversuch nach Warnemünde kenterte die Hansa in seichtem Wasser, wo ihr Rumpf als stille Kriegsruine liegen blieb.
Nur einen Tag später, am 7. März 1945, traf es auch ihr Schwesterschiff Hamburg. Nachdem es rund 10.000 Flüchtlinge nach Sassnitz gebracht hatte, griffen britische Bomber den Hafen an. Um weiteren Angriffen zu entgehen, verließ das Schiff die Reede und lief etwa 1,5 Seemeilen nordöstlich von Sassnitz auf eine Mine. Der Dampfer kenterte und sank in 18 Metern Tiefe – glücklicherweise ohne Opfer, da alle Menschen zuvor von Bord gegangen waren.
Bergung und sowjetische Wiedergeburt
Nach dem Krieg blieben beide Wracks mehrere Jahre auf dem Meeresgrund, bevor sie Ende der 1940er Jahre gehoben wurden. An der Warnowwerft in Warnemünde wurden ihre Rümpfe mit belgischer Unterstützung instandgesetzt – wichtige Projekte für die aufstrebende DDR-Schiffbauindustrie.
Beide Schiffe gingen als Reparationsleistungen an die Sowjetunion:
- Die ehemalige Hansa wurde umgebaut, ab 1953 Sowjetski Sojus genannt und diente ab 1957 als größtes Passagierschiff unter sowjetischer Flagge in der Fernostflotte. Nach ihrer Außerdienststellung 1980 erhielt sie den letzten Namen Tobolsk, bevor sie am 17. März 1982 in Hongkong endgültig verschrottet wurde.
- Die frühere Hamburg erhielt eine völlig andere Bestimmung: Sie wurde zum Walfangmutterschiff umgebaut und 1960 unter dem Namen Juri Dolgoruki an die Sowjetunion übergeben, wo sie bis 1976 im Einsatz blieb.
Ein technisches und historisches Vermächtnis
Die außergewöhnliche Bilanz dieser Schwesterschiffe verbindet:
- Geburt in derselben Werft als Symbole deutscher Schiffsbaukunst
- Untergang in derselben Märzwoche 1945 in der Ostsee
- Bergung und Wiederaufbau in der Nachkriegszeit
- Wiederverwendung unter sowjetischer Flagge in völlig unterschiedlichen Rollen
Ihre Lebensläufe erzählen von den Umbrüchen eines ganzen Jahrhunderts – zwischen friedlichem Handel, verheerendem Krieg, mühevollem Wiederaufbau und Nutzung durch zwei politische Systeme. Noch heute erinnern Dokumente, Schiffsteile und historische Fotografien in Archiven an ihre wechselvolle Geschichte, deren Spuren vom Nordatlantik bis in den Fernen Osten reichen und ein faszinierendes Kapitel deutscher Schiffbaugeschichte bewahren.



