Ganz Deutschland verfolgt das Schicksal des Buckelwals, der vor der Insel Poel in einer Ostsee-Bucht gestrandet ist. Während Experten meinen, es sei das Beste, das Tier in Ruhe sterben zu lassen, setzt eine private Initiative alles daran, ihn ins offene Meer zu bringen. Mittlerweile rumort es gewaltig in dem Team. Das liegt vor allem an einigen Mitgliedern und ihrer Vergangenheit.
Empörung und Mitgefühl beim Thema Tierleid
Schwere Vorwürfe gibt es gegen den Mann, der die Aktion initiiert und koordiniert: Er nennt Bundeskanzler Friedrich Merz eine „Schwuchtel“, den ukrainischen Präsidenten Selenskyj einen „Verbrecher“. Muslime sind für ihn „lebender Müll“. Die Rede ist von Jens Schulz, der sich selbst als „Digital Creator“ bezeichnet. Er lebt und arbeitet in Berlin. Wer seinen Facebook-Auftritt betrachtet, gewinnt zunächst den Eindruck, dass hier einer mit besonders großem Herzen für Tiere unterwegs ist. Leute, die sich dafür aussprechen, Wölfe wieder zu jagen, nennt er „hochgradig gestört“. Er empört sich regelmäßig über Tierquälerei, hilft bei der Suche nach vermissten Hunden und unterstützt Tierschutzkampagnen. Beim Thema Tierleid zeigt dieser Mann sichtbar Empörung, oft auch Mitgefühl.
Jens Schulz tritt tierlieb und menschenfeindlich auf
Doch das ist nur die eine Seite. Denn auf demselben Facebook-Account hetzt er gegen Migranten und Muslime, verbreitet AfD-nahe sowie pro-russische Inhalte. Über ein Video mit muslimischen Männern schreibt Schulz: „Schaut Euch dieses muslimische Pack an. Wilde, denen man Klamotten gegeben hat. Lebender Müll.“ In einem anderen Beitrag wettert er über „faule Ausländer“, die hier Geld bekämen, während die Deutschen immer mehr arbeiten sollten. Über Afghanen schreibt er, Deutschland habe schon genug von diesen „Bettlern“, täglich gebe es „Morde, Vergewaltigungen und Überfälle“, und fragt dann: „Wann ist endlich damit Schluss?“ Auch die Nähe zur AfD springt ins Auge. Unter einen Beitrag zur Facebook-Gruppe „Freunde der AfD“ setzt Schulz zwei knappe Worte: „Ich auch“. Dazu kommen zahlreiche Posts, die direkt aus jenem politischen Milieu stammen könnten, in dem Deutschland ständig von Linken, Eliten, Medien und Fremden bedroht erscheint. Da ist vom „eigenen Volk“ die Rede, das verraten werde. Da wird behauptet, freie Meinungsäußerung sei faktisch abgeschafft. Zur Begründung führt er an, kritische Kommentare würden mit Hausdurchsuchungen und Anzeigen verfolgt, es gebe Berufsverbote für Lehrer, Polizisten und Soldaten, die Mitglieder der AfD sind.
Schulz verunglimpft Selenskyj als „Schmarotzer“ und „Wicht“
Noch drastischer wird es beim Blick auf Schulz’ Haltung zur Ukraine. Den ukrainischen Präsidenten nennt Schulz wiederholt einen „Verbrecher“, einen „Schmarotzer“, einen „Wicht“. Einmal schreibt er: „Ich kann wirklich nur hoffen, dass Putin bald Selenskyj diesen Verbrecher zur Strecke bringt.“ Friedrich Merz ist für Schulz ein „Berufslügner“, ein „zahnloser alter Tiger“, in einem anderen Post eine „Schwuchtel“. Zugleich zeigt Schulz offen, dass er ein Fan von Viktor Orbán ist, des langjährigen ungarischen Regierungschefs, der in Europa seit Jahren für einen autoritären, nationalkonservativen Kurs steht. Die letzte Wahl allerdings hat Orbán verloren.
Projektionsfläche für den Wut auf den Staat
Genau das macht das Wirken von Jens Schulz in dieser Geschichte so brisant. Er ist nicht bloß irgendein Wutbürger im Netz. Er steht in der ersten Reihe einer Initiative, die bundesweit Aufmerksamkeit bekommt und moralisch hoch aufgeladen ist. Der Wal ist längst nicht mehr nur ein gestrandeter Meeressäuger. Er wird zur Projektionsfläche für Wut auf Behörden, Misstrauen gegen Fachleute, Verachtung staatlicher Strukturen und die Sehnsucht nach der großen, beherzten Tat. Hier die mutigen Bürger mit Herz, dort der kalte Staat – diese Erzählung verfängt sofort. Gut zu erkennen an vielen Schaulustigen, die teilweise zu Verschwörungstheorien neigen. Schulz selbst teilt einen Satz, der dazu perfekt passt: „Wenn das Volk aufsteht, wird die Macht nervös.“ Der Fall um Buckelwal Timmy ist deshalb längst mehr als ein Tierschutzdrama. Zusehends wird der Fall auch von rechts aufgegriffen und für politische Stimmungsmache genutzt. Die AfD nimmt den Fall zum Anlass für politische Angriffe auf Umweltminister Till Backhaus (SPD). Hinzu kommt eine aufgeheizte Szene, die Absperrungen missachtet, gegen Behörden Stimmung macht und Fachleute zu Gegnern erklärt.
Akteure ziehen sich aus Protest zurück
Dass die Sache längst aus dem Ruder läuft, zeigt der Zustand der Rettungstruppe selbst. Aus der privaten Initiative, die demonstrieren will, dass engagierte Bürger dort helfen, wo Behörden und Experten versagen, wird binnen weniger Tage eine Gruppe, in der es gehörig kracht. Die Pressesprecherin Christiane Freifrau von Gregory erklärt zwischenzeitlich ihren Rückzug und begründet das mit fehlender professioneller Zusammenarbeit sowie Dynamiken vor Ort, die nicht mehr den eigenen Grundwerten und Standards entsprächen. Kurz darauf nimmt sie diesen Schritt wieder zurück. Schon zuvor reist die aus Hawaii angereiste Tierärztin Jenna Wallace ab. Sie erhebt schwere Vorwürfe gegen einzelne Mitglieder. Die privaten Retter würden einem selbst ernannten „Walflüsterer“ folgen. Von denen meint sie Sergio Bambarén und Danny Hilse. Wallace wirft unter anderem in einem NDR-Video beiden Männern vor, die „einzig echte Chance“ zunichte gemacht zu haben. Der Wal sei schon in die richtige Richtung geschwommen, durch Hilses Boot aber wieder Richtung flaches Wasser gedrängt worden. Bambarén wiederum solle die Tierärztin und weitere Helfer gar nicht erst auf ihre Boote gelassen haben.
Danny Hilse: Hells Angels und rechtsradikale Proteste
Danny Hilse fällt aber auch noch anderweitig auf. Mehrere Medien berichten mittlerweile über seine Vergangenheit als Mitglied der Rockergang Hells Angels. Außerdem war er einer der Mitorganisatoren des rechtsradikalen Protestbündnisses „Gemeinsam für Deutschland“ (GfD). Die Demonstrationen wurden vom Verfassungsschutz beobachtet. Seine Facebook- und TikTok-Seiten zeigen auch eine deutliche Nähe zur AfD.
Klaus Kraft wegen Untreue verurteilt
Und auch Klaus Kraft ist Teil des Retter-Teams. Er war Vorsitzender des Vereins Tierrettung Vorpommern-Greifswald. Anfang März 2026 ist Kraft erstinstanzlich wegen Untreue in 30 Fällen verurteilt worden. Unter anderem soll der Mann eine EC-Karte des Vereins für private Zwecke verwendet haben. Kraft ging in Berufung. Der Landkreis arbeite seit geraumer Zeit nicht mehr mit der Tierrettung zusammen. Die leitende Tierärztin Janine Bahr-van Gemmert liegt seit Tagen im Koma, nachdem sie mit Schlaganfall-ähnlichen Symptomen ins Krankenhaus gekommen war. Mediamarkt-Mitgründer Walter Gunz, Mitfinanzier der Aktion, sagt offen: „Wir sind alle am Ende.“ So steht Jens Schulz im Zentrum einer Rettungsaktion, die immer chaotischer wirkt: nach außen der Mann mit dem großen Herz für Tiere, auf seinem eigenen Facebook-Profil zugleich aber jemand, der Muslime als „lebenden Müll“ beschimpft, sich offen zur AfD bekennt und die Demokratie verächtlich macht.
Keine Stellungnahme vom Umweltministerium
Die Redaktion hat das private Retterteam um Stellungnahme gebeten – erfolglos. Pressesprecherin Freifrau von Gregory reagierte nicht. Das Gleiche gilt für die Pressestelle des Umweltministeriums in Schwerin, das die Genehmigung zur Rettungsaktion erteilt hat. Schließlich nahm dann Jens Schulz selbst am Mittwoch Stellung – und verbreitete zwei Versionen. Auf Facebook schrieb er, seine Seite sei „gehackt“ worden. „Hier kommen täglich verrückte Posts, die ich nie schreiben würde.“ Gegenüber der Redaktion hingegen gab er zu, dass die Posts von ihm sind. Von Hackern keine Rede mehr. Stattdessen schreibt er in einer Mail: „Mir ist bewusst, dass einige Posts zu überspitzt dargestellt wurden. Das habe ich getan, um Aufmerksamkeit zu generieren, da mich diese Themen interessieren und mir wichtig sind.“



