Die tödliche Chronik der NVA-Flieger: Abstürze und Geheimnisse in Vorpommern
Tödliche Chronik der NVA-Flieger: Abstürze in Vorpommern

Die tödliche Chronik der NVA-Flieger: Abstürze und Geheimnisse in Vorpommern

Im idyllischen Nordosten Deutschlands, insbesondere in Vorpommern, war während der DDR-Zeit der Fluglärm allgegenwärtig – und mit ihm eine erschreckende Serie von Abstürzen militärischer Düsenjets. Viele dieser Vorfälle endeten tödlich, doch die Öffentlichkeit erfuhr damals nur wenig darüber, da das Militär strikte Geheimhaltung praktizierte. Erst nach der Wende konnten viele Details ans Licht gebracht werden, oft durch die Arbeit ehemaliger Angehöriger der Fliegertruppen, örtlicher Chronisten und Internetforen.

Hotspots des Unglücks: Neubrandenburg und Usedom

Im Mittelpunkt des Geschehens standen der Raum Neubrandenburg sowie die Insel Usedom mit dem angrenzenden Festland. Auf dem Flugplatz Trollenhagen bei Neubrandenburg war seit den frühen 1960er Jahren das Jagdfliegergeschwader 2 der Nationalen Volksarmee (NVA) stationiert, während in Peenemünde an der Ostsee das Jagdfliegergeschwader 9 seinen Sitz hatte. Zusätzlich dienten die Flugplätze Garz und Tutow häufig als Ausweichstandorte, insbesondere bei Bauarbeiten an anderen Stützpunkten.

Die Geheimhaltung war so streng, dass selbst bei Havarien oder Katastrophen außerhalb des Militärgeländes kaum Informationen an die Öffentlichkeit drangen. Dies führte dazu, dass viele Vorfälle erst Jahrzehnte später näher beleuchtet werden konnten, wobei bis heute oft Unklarheiten bleiben. Als wichtige gedruckte Quellen gelten Bücher wie „MiGs über Peenemünde“ von Manfred Kanetzki für das JG 9 und „30 Jahre Starten und Landen“ für das JG 2.

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Eine lange Liste tödlicher Vorkommnisse

Insgesamt listet das Werk „11-80, katapultieren Sie!“ von Thomas Bußmann, Horst Kleest und Lutz Freundt für die NVA 120 tödliche Vorkommnisse mit Luftfahrzeugen auf, zu denen noch zahlreiche weitere Brüche und Havarien hinzukamen. Der erste dokumentierte Crash in der Region datiert auf Juni 1960, als eine Propellermaschine Jak-11 in Tutow nach der Landung mit einem Fahrzeug kollidierte. Nur fünf Tage später ging eine MiG-17F aufgrund einer zu hohen Aufsetzgeschwindigkeit kaputt.

Der erste Verlust eines NVA-Piloten in Vorpommern ereignete sich am 16. März 1961, als ein Unterleutnant mit seiner MiG-17F bei einer Notlandung in Trollenhagen ums Leben kam. In den folgenden Jahren häuften sich die Unglücke: Im Juni 1961 starb ein Pilot bei Woldegk, ein anderer zerschellte nahe Swinemünde in der Ostsee, und im Juli prallte ein Jet gegen die Steilküste bei Koserow. Allein vom JG 2 sollen 14 Piloten und ein Techniker, vom JG 9 sogar 19 Flugzeugführer in Ausübung ihres Dienstes umgekommen sein.

Katastrophen bei der Einführung der MiG-21

Besonders tragisch waren die Abstürze während der Einführung der MiG-21 im Jahr 1965, als die Peenemünder Piloten mit ihren neuen „Silberpfeilen“ in Tutow stationiert waren. Am 23. Juni stürzte eine MiG-21 nordwestlich von Görmin auf einem Acker ab, wobei der Leutnant an Bord starb. Noch bekannter ist der Absturz von Geschwaderkommandeur Günter Schmidt am 13. August in Sassen. Schmidt katapultierte sich zwar erfolgreich, erlitt aber tödliche Verletzungen, während seine Maschine am Dorfrand explodierte und einen LPG-Hühnerstall sowie eine Scheune in Brand setzte.

Weitere Vorfälle folgten: Im August 1967 rettete sich der Pilot einer MiG-21PFM nach Triebwerksausfall per Schleudersitz, während sein Jet bei Burow niederging. Ende April 1969 schmierte ein baugleiches Exemplar bei einem Kunstflug-Einsatz bei Padderow ab, doch der Pilot überlebte. Tragisch endete hingegen eine Flugvorführung im Oktober 1971 in Garz, bei der ein Hauptmann nach einem Strömungsabriss in den Tod stürzte.

Späte Katastrophen und das Ende einer Ära

Noch in den 1980er Jahren sorgten Abstürze für Aufsehen, wie im Mai 1986, als ein MiG-23-Doppelsitzer nach dem Streifen von Baumwipfeln bei Hanshagen nieder ging – die Crew konnte sich retten. Anders verlief es am 12. September 1989 bei Anklam, wo eine Aero L-39 „Albatros“ in Not geriet. Fehleinschätzungen führten dazu, dass eine Landung verpasst wurde; Fluglehrer und Schüler erlitten beim Betätigen des Schleudersitzes tödliche Verletzungen.

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Die letzte Flugkatastrophe der DDR ereignete sich am 13. September 1990 in Peenemünde, nur wenige Tage vor der Wiedervereinigung. Vor Mitgliedern des Bundestages, die zu Gesprächen auf dem Stützpunkt weilten, verlor ein Major in einer MiG-23 in den Wolken die räumliche Orientierung und stürzte in den Greifswalder Bodden. Er hinterließ eine Frau und drei Kinder.

Nach der Wende: MiG-29 in deutschen Diensten

Doch es war nicht der letzte Düsenjet sowjetischer Produktion, der in der Region abstürzte. Nach der Wiedervereinigung übernahm die Bundeswehr 24 MiG-29, die zuvor bei der DDR im Einsatz waren. Einer davon, stationiert beim Jagdgeschwader 73 „Steinhoff“ in Laage, verunglückte am 25. Juni 1996 nördlich von Brudersdorf. Der Pilot verlor nach einem absichtlich eingeleiteten Flachtrudeln die Kontrolle, rettete sich mit dem Schleudersitz, während die Maschine in einer Trebelwiese einschlug und brannte. Dieser Absturz markiert das Ende einer langen Chronik von Katastrophen, die das Leben vieler Piloten in Vorpommern forderte und bis heute nachwirkt.