Kneipensterben in Sachsen-Anhalt: Jede dritte Gaststätte in Kleinstädten geschlossen
Kneipensterben: Jede dritte Gaststätte in Kleinstädten dicht

Kneipensterben in Sachsen-Anhalt: Jede dritte Gaststätte in Kleinstädten seit 2010 geschlossen

In Sachsen-Anhalt hat sich die Gastronomielandschaft in den letzten Jahren dramatisch verändert. Seit dem Jahr 2010 ist die Anzahl der Gastronomiebetriebe im Bundesland um insgesamt 16 Prozent gesunken. Aktuell gibt es noch rund 4.300 Betriebe, während bis zum Jahr 2024 insgesamt 841 Gaststätten ihre Türen für immer geschlossen haben. Diese Zahlen gehen aus einer Antwort des Magdeburger Wirtschaftsministeriums auf eine Anfrage der Linken-Abgeordneten Eva von Angern und Wulf Gallert hervor.

Besonders betroffen: Kleinstädte und ländliche Gemeinden

Die Entwicklung trifft Kleinstädte besonders hart. In Kommunen mit einer Einwohnerzahl zwischen 10.000 und 20.000 haben seit 2010 mehr als 34 Prozent aller Gastronomiebetriebe geschlossen – das bedeutet, dass mehr als jede dritte Kneipe dichtgemacht hat. In noch kleineren Gemeinden unter 5.000 Einwohnern schloss im selben Zeitraum etwa jeder vierte Betrieb, was einem Anteil von rund 23 Prozent entspricht.

In absoluten Zahlen zeigt sich das Kneipensterben besonders deutlich in ländlichen Gemeinden. In Thale im Harz und in Gräfenhainichen im Landkreis Wittenberg sank die Zahl der Betriebe jeweils um 17. Die meisten Schließungen insgesamt verzeichnete Dessau-Roßlau mit 40 geschlossenen Kneipen seit 2010, gefolgt von Wittenberg mit 32 geschlossenen Häusern. Einzige Ausnahme bilden die beiden größten Städte Sachsen-Anhalts: In Halle und Magdeburg stieg die Zahl der Gastronomiebetriebe sogar leicht an.

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Linke kritisiert Verlust sozialer Infrastruktur

Die Linken-Fraktion im sachsen-anhaltischen Landtag beklagt den Wegfall der Kneipen als schwerwiegenden Verlust für die soziale Infrastruktur. „Hier trifft sich der Sportverein, werden Geburtstage gefeiert, kommen Menschen miteinander ins Gespräch. Diese Orte stiften Zusammenhalt. Wenn sie verschwinden, verliert das Dorf seinen sozialen Mittelpunkt“, erklärt Wulf Gallert, wirtschaftspolitischer Sprecher der Fraktion. Besonders alarmierend: In 18 Gemeinden Sachsen-Anhalts gibt es mittlerweile gar keine Kneipe oder Gaststätte mehr.

Gründe für das Gastronomie-Sterben

Als mögliche Gründe für diese Entwicklung nennt die Landesregierung mehrere Faktoren:

  • Rückgang der Nachfrage bei Gaststätten
  • Fehlende Unternehmensnachfolgen
  • Wirtschaftliche Schwierigkeiten (etwa jede zehnte Schließung in größeren Gemeinden)
  • Bevölkerungsrückgang um neun Prozent im betrachteten Zeitraum

Forderungen und Gegenmaßnahmen

Die Linken-Fraktion kritisiert, dass die Landesregierung bislang kein Konzept vorgelegt habe, um dieser besorgniserregenden Entwicklung entgegenzuwirken. Sie fordert deshalb eine gezielte Förderstrategie für die Gastronomie in ländlichen Regionen.

Die Landesregierung verweist dagegen auf bereits ergriffene Maßnahmen. Dazu gehört die zu Jahresbeginn in Kraft getretene Mehrwertsteuersenkung für Speisen in der Gastronomie von 19 auf 7 Prozent. Zudem existieren bereits Förderprogramme, die auch von gastronomischen Betrieben genutzt werden können. Im vergangenen Jahr wurden nach Angaben der Regierung 708.000 Euro an Fördermitteln sowie 510.000 Euro an Darlehen für Gastronomiebetriebe in Sachsen-Anhalt bewilligt.

Die Diskussion um das Kneipensterben in Sachsen-Anhalt zeigt deutlich, dass Gaststätten mehr sind als reine Wirtschaftsbetriebe. Sie fungieren als wichtige soziale Treffpunkte, deren Verschwinden die Lebensqualität in vielen Gemeinden nachhaltig beeinträchtigen könnte. Die unterschiedlichen Positionen von Opposition und Regierung lassen erkennen, dass hier dringender Handlungsbedarf besteht, um die Gastronomielandschaft in den ländlichen Regionen Sachsen-Anhalts zu erhalten.

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