Sachsen-Anhalt: Deutlich mehr Beratungen für Opfer von SED-Unrecht nach Reformen
Mehr Beratungen für SED-Opfer in Sachsen-Anhalt

Beratungsbedarf für SED-Unrecht steigt in Sachsen-Anhalt deutlich an

Der Landesbeauftragte für die Aufarbeitung der SED-Diktatur in Sachsen-Anhalt, Johannes Beleites, verzeichnet einen deutlich gestiegenen Beratungsbedarf bei Opfern von DDR-Unrecht. Auslöser sind Reformen des Rehabilitierungsrechts, die seit dem vergangenen Jahr höhere Leistungen und teilweise erleichterte Anerkennungsverfahren ermöglichen. Im Jahr 2025 stieg die Zahl der Beratungsgespräche gegenüber dem Vorjahr um 24,2 Prozent auf 1.473, wie Beleites bei der Vorstellung seines Jahresberichts im Landtag in Magdeburg mitteilte.

Größte Gruppe: Ehemalige Heimkinder

Die größte Gruppe unter den Ratsuchenden waren Menschen, die als Kinder in DDR-Heimen untergebracht waren. Die Beratungen wurden gemeinsam mit dem Caritas-Verband an 18 Orten im Land angeboten. Dabei wird laut Beleites immer wieder deutlich, dass Betroffene seit Jahrzehnten über das erlittene Unrecht schweigen. Viele nehmen nicht die ihnen zustehenden Leistungen in Anspruch, vermutlich weil sie teils gar nicht um die Möglichkeiten wissen. „Es ist eine Herausforderung für uns, die Themen in alle Kreise zu tragen“, so der Beauftragte.

Einzelne Schicksale verdeutlichen das Ausmaß

Erst vor wenigen Monaten sei ein Mann in der Beratung gewesen, der wegen Republikflucht fast zwei Jahre im Gefängnis saß – bis zur Amnestie im Oktober 1989. Nach Jahrzehnten habe er erstmals einem Sozialarbeiter bei der Bahnhofsmission von seinem Schicksal erzählt, der ihn an die Beratung verwies. Der von Sozialhilfe lebende Mann kann nach einer strafrechtlichen Rehabilitierung künftig 400 Euro monatliche Zusatzleistung erhalten, die nicht angerechnet wird.

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Beleites erinnert sich auch an eine Frau, die Ende der 1970er Jahre in einen Jugendwerkhof eingewiesen wurde. „Ihr Mann, ihre Tochter, ihre jüngeren Geschwister wussten nichts davon“, sagt er. Auch sie sei über einen Sozialarbeiter zur Beratung gekommen. Nicht immer gehe es um finanzielle Aspekte. Ehemalige Heimkinder, die damals sehr jung waren, wollten oft einfach wissen, wo genau sie gewesen sind. Den Betroffenen zu sagen, „ihr könnt nichts dafür, es war ein Systemunrecht“, sei dringend nötig. „Das ist noch lange nicht vorbei“, betont der Aufarbeitungsbeauftragte.

Reformen bringen Verbesserungen, doch Lücken bleiben

Die vom Bundestag beschlossenen Reformen sind bedeutsam für alle Opfer der SED-Diktatur – auch für jene, die in Kinderheimen, Jugendwerkhöfen oder Spezialheimen untergebracht waren. Die damalige Drangsalierung habe Folgen bis heute. Oft hätten diese Menschen keine richtige Ausbildung und seien erschreckend häufig Opfer sexueller Übergriffe geworden.

Der Bundestag erhöhte und dynamisierte die Opferrente für strafrechtlich Rehabilitierte sowie die Ausgleichszahlungen für beruflich Verfolgte und verfolgte Schüler. Menschen, die aus dem Sperrgebiet an der innerdeutschen Grenze zwangsausgesiedelt wurden, erhalten eine Einmalzahlung. Zudem wurde die Einrichtung eines bundesweiten Härtefallfonds beschlossen und eine deutliche Erleichterung bei der Anerkennung von Gesundheitsschäden, die auf politische Haft zurückzuführen sind.

Beleites sagt, der Staat sei jetzt großherziger, wünscht sich dies aber sehr viel früher. „Für viele kommt es zu spät. Viele sind verbittert gestorben“. Für zwei Betroffenengruppen gibt es laut ihm nach wie vor keine befriedigenden Entschädigungsmöglichkeiten: die Opfer des staatlichen Zwangsdopings und die von der kontaminierten Anti-D-Prophylaxe 1978/79 betroffenen Frauen.

Besorgnis über Normalisierung der DDR

Beleites beobachtet mit gewissem Erschrecken eine Art Normalisierung der DDR. Dies gehe bei Aufklebern mit DDR-Symbolen los, zeige sich bei DDR-Fahnen in Kleingartenanlagen und reiche bis zu den letztlich gekippten Plänen der Bundeswehr, auf dem 1990 demilitarisierten Brocken ein Camp zu veranstalten. „Die DDR wird für Viele ein Land wie viele andere“, kritisiert er.

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In Wahlprogrammen der Parteien gebe es teilweise mehr positive Bezüge zur DDR als Verweise auf die Diktatur. Außerdem habe sich die Debatte um eine Pflicht für Schüler zu einem Gedenkstättenbesuch nur auf NS-Gedenkstätten bezogen. Die Schocksituation über die Todesstrafe bis in die 1980er Jahre, unmenschliche Haftbedingungen und massenhafte politische Häftlinge sei längst vorbei. „Das ist vor 35, 30 Jahren aufgedeckt worden. Seitdem wird es in der Schule zu wenig behandelt“. Politische und historische Bildung müssten gestärkt werden.

Landtagsvizepräsidentin Anne-Marie Keding (CDU) plädiert dafür, die Mechanismen der Diktatur weiter aufzuarbeiten. „Das reicht auch nicht, wenn das eine Generation erkannt hat – sondern ich glaube, das muss immer wieder auch vermittelt werden“, so Keding.