Wirtschaftsexperte fordert breitere Perspektive für Sachsen-Anhalt
Der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung (IWH), Reint Gropp, hat auf der regionalpolitischen Jahrestagung des Bundeswirtschaftsministeriums in Halle eine deutliche Erweiterung der wirtschaftlichen Perspektive für Sachsen-Anhalt gefordert. Das Land dürfe sich nicht ausschließlich auf seine traditionelle Chemieindustrie verengen, sondern müsse Chancen in anderen Bereichen konsequenter nutzen.
Chemie als Rückgrat - aber nicht als Alleinstellungsmerkmal
Während Nora Schmidt-Kesseler, Hauptgeschäftsführerin des Landesverbands Nordost im Verband der Chemischen Industrie (VCI), die Chemie als "das Rückgrat der regionalen Wirtschaft" bezeichnete, betonte Gropp die Notwendigkeit einer diversifizierten Wirtschaftsstruktur. "Ich denke schon, dass es ganz wichtig ist, bei Sachsen-Anhalt eben nicht nur an Chemie zu denken", erklärte der Ökonom. Neben der etablierten Chemiebranche gebe es vielversprechende Felder wie:
- Medizintechnik mit hohem Innovationspotenzial
- Verfahrenstechnik für nachhaltige Produktionsprozesse
- Erneuerbare Energien als Standortvorteil
- Digitale Technologien und moderne Dienstleistungen
Energiefrage als zentrale Herausforderung und Chance
Für die energieintensiven Branchen wie Teile der Chemieindustrie nannte Gropp die Energiekosten als entscheidenden Faktor. Dauerhaft sinkende Energiepreise seien unrealistisch, weshalb Unternehmen energieeffizientere Verfahren entwickeln müssten. Gleichzeitig verwies der IWH-Präsident auf die besondere Position Sachsen-Anhalts im Bereich erneuerbarer Energien: "Sachsen-Anhalt produziert mehr Ökostrom, als es selbst verbraucht - das ist natürlich eine Chance". Das kürzlich beschlossene Landesgesetz, das Kommunen mit vielen Wind- und Solarparks zugutekommen soll, bewertete er als Schritt in die richtige Richtung.
Strukturpolitik muss Wandel ermöglichen statt verhindern
Mit deutlichen Worten warnte Gropp vor einer Strukturpolitik, die zu stark am Bestehenden festhält. "Immer dann, wenn wir mit sehr viel Steuergeldern Altes erhalten, verhindern wir ein Stück weit, dass Neues entstehen kann", argumentierte der Wirtschaftsexperte. Statt vorrangig Subventionen zu verteilen, solle sich der Staat auf grundlegende Reformen konzentrieren:
- Bürokratieabbau zur Entlastung von Unternehmen
- Modernisierung der sozialen Sicherungssysteme
- Schaffung flexibler Rahmenbedingungen für Innovationen
- Förderung von Anpassungsfähigkeit und neuen Geschäftsmodellen
Vertrauen in die Anpassungsfähigkeit der Wirtschaft
Entscheidend für einen erfolgreichen Strukturwandel sei das Vertrauen in die Anpassungsfähigkeit der Unternehmen, betonte Gropp. Diese könnten auch unter veränderten Rahmenbedingungen neue Geschäftsmodelle entwickeln und so zum Entstehen neuer industrieller Kerne beitragen. Strukturwandel bedeute nicht nur den Erhalt bestehender Industrien, sondern auch die bewusste Ermöglichung von Veränderungen - selbst wenn dadurch einzelne traditionelle Branchen an relativer Bedeutung verlieren würden.
Die regionalpolitische Jahrestagung in Halle zeigte damit die Spannung zwischen dem Bewahren bewährter Wirtschaftsstrukturen und der Notwendigkeit, neue Potenziale zu erschließen. Während die Chemieindustrie ihre zentrale Rolle für Sachsen-Anhalt betont, plädiert die Wirtschaftsforschung für eine breitere wirtschaftliche Basis, die die Zukunftsfähigkeit des Landes langfristig sichert.



