Top-Schiedsrichter Deniz Aytekin (47) beendet nach der laufenden Saison seine Karriere. Im Interview mit dem Stern gewährt er tiefe Einblicke in die Schattenseiten seines Berufs. Die zunehmende Verrohung im Umgang mit Fußball-Schiedsrichtern habe auch bei ihm immer wieder Zweifel ausgelöst.
„Kein Sport der Welt ist es wert, dass man sich in Gefahr bringt“
Aytekin erklärte: „Immer wieder dieser Hass, will ich das ertragen? Hält meine Familie das aus? Aber bei mir hat die Liebe zum Fußball jedes Mal über solche Zweifel gesiegt.“ Besonders in Erinnerung blieb ihm ein Vorfall nach einem Spiel: „Einmal schrieb mir Tage nach einem Spiel noch ein Mann per Mail, mit Klarnamen, der war Chefarzt einer großen deutschen Klinik. Der hat mich so dermaßen beleidigt, Arschloch war da noch das freundlichste Wort. Was läuft bei so einem, der tagtäglich anderen hilft, falsch, dass er sich so vergisst?“
Fehlendes Bewusstsein für den Druck der Schiedsrichter
Aytekin beklagte, dass es kein Bewusstsein dafür gebe, wie viel Druck auf den Unparteiischen laste. Weder würden die Leute den Aufwand der Referees sehen noch „die Opfer, die wir bringen“. Sein größtes Opfer: Dass unter seiner Schiedsrichterkarriere „Menschen gelitten haben, die mir extrem wichtig sind. Zu meiner Tochter habe ich nicht die enge Verbindung, die ich mir wünschen würde. Mein Preis war, dass ich nicht immer der Vorzeigevater sein konnte.“
Letzte Bundesliga-Saison für Aytekin
Im Sommer 2025 hatte Aytekin seinen Rücktritt für 2026 angekündigt. Mit ihm verlässt einer der geschätztesten Unparteiischen die deutsche Fußball-Bühne. 2019, 2022 und 2024 wurde er zum DFB-Schiedsrichter des Jahres gewählt. Über seinen Entschluss sagte er damals: „Bewusst loszulassen von etwas, das man liebt, ist keine einfache Entscheidung – aber eine sehr überlegte. Ich möchte aufhören in einer Phase, in der ich noch mit voller Überzeugung, Leidenschaft und Klarheit auf dem Platz stehe. Es ist mir wichtig, als Persönlichkeit wahrgenommen zu werden, die präsent und geschätzt ist – nicht erst dann zu gehen, wenn die Zweifel beginnen.“



