Baumgarts emotionale Rückkehr zum HSV: Ein Wiedersehen mit der Kindheitsliebe
Steffen Baumgart kehrt zu seiner großen Fußballliebe zurück – wenn auch nur für einen Tag. Der Cheftrainer des 1. FC Union Berlin gibt offen zu, dass das Bundesliga-Spiel am Samstag im Volksparkstadion gegen den Hamburger SV kein gewöhnliches Spiel für ihn ist. „Ich freue mich auf ein sehr emotionales und interessantes Spiel und kann sagen, dass schon eine große Aufregung mitschwingt“, verrät der 54-Jährige in einem Interview auf der HSV-Webseite.
Verpasstes Wiedersehen in der Hinrunde
Das erste Aufeinandertreffen in dieser Saison verlief für Baumgart enttäuschend. In der Hinrunde musste er das 0:0 in Berlin gegen den HSV von der Tribüne aus verfolgen, da er wegen einer Roten Karte im vorherigen Spiel gegen Eintracht Frankfurt gesperrt war. „Es ärgert mich noch sehr, dass ich das Hinspiel verpasst habe“, gesteht der Trainer. „Denn zum einen war es vermeidbar und zum anderen stehe ich als Trainer lieber am Spielfeldrand als in irgendeinem Container.“
Neun intensive Monate beim HSV
Die Verbindung zwischen Baumgart und dem Hamburger SV ist tief verwurzelt. Neun Monate lang, von Februar bis November 2024, war der gebürtige Rostocker Cheftrainer beim Traditionsverein. Bei seinem Amtsantritt als Nachfolger von Tim Walter machte er keinen Hehl aus seiner langjährigen Vereinsliebe. Doch die emotionale Bindung allein reichte nicht aus, um den ersehnten Aufstieg in die Bundesliga zu realisieren.
Im November 2024 stand Baumgart letztmals als HSV-Cheftrainer im Volksparkstadion beim 2:2 gegen Schalke 04. Zu diesem Zeitpunkt belegte Hamburg nur den achten Tabellenplatz, was die Vereinsverantwortlichen um den damaligen Sportvorstand Stefan Kuntz und Sportdirektor Claus Costa alarmierte. Sie sahen das Saisonziel Aufstieg in ernster Gefahr.
Claus Costa räumte später im Oktober 2024 in einem Interview mit transfermarkt.de ein: „Am Ende ist es nicht so aufgegangen, wie wir uns und sich auch Steffen das gewünscht haben.“ Die strategische Idee hinter Baumgarts Verpflichtung sei gewesen, „dass die Mischung aus der spielerischen Qualität des Kaders in Kombination mit Steffens positiver Emotionalität, Energie, seiner Idee vom Fußball und Intensität das entscheidende Puzzleteil sein kann, gepaart mit etwas weniger Ballbesitz.“
Polzins erfolgreiche Nachfolge
Nach Baumgarts Abschied übernahm sein ehemaliger Assistent Merlin Polzin zunächst interimsweise, später fest die Mannschaft. Dem 35-Jährigen gelang, was Baumgart und andere prominente Vorgänger nicht schafften: Die Rückkehr des HSV in die Bundesliga nach sieben Jahren Zweitklassigkeit. Mittlerweile hat Polzin mit dem Team gute Chancen, den Klassenerhalt frühzeitig zu sichern.
Kein Groll, nur Dankbarkeit
Baumgart hegt keinerlei Groll wegen des plötzlichen Endes seiner Hamburger Zeit. Im Gegenteil betont er: „Ich habe schon häufiger erwähnt, dass der HSV der Verein ist, für den ich schon immer einmal arbeiten wollte. Ich wollte nicht bei Bayern, Dortmund oder irgendeinem anderen großen Club arbeiten, sondern mein Wunsch war der HSV.“ Diese Chance habe man ihm ermöglicht, wofür er dankbar sei.
Dass es sportlich nicht zum gewünschten Erfolg reichte, gehöre manchmal einfach zum Fußball. „Manche Dinge kann man nicht berechnen. Es war dennoch eine schöne, intensive und gute Zeit“, resümiert der ehemalige Stürmer. „Ich habe ein gutes Verhältnis zu den Mitarbeitern, der Stadt und ihren Leuten.“
Er habe nach seiner Entlassung „wirklich nichts Negatives von der HSV-Seite gehört, eher sogar noch einen gewissen Dank, als es mit dem Aufstieg geklappt hat“. Dies zeige, dass nicht alles schiefgelaufen sei, auch wenn die sportlichen Ergebnisse anders ausgefallen seien als gewünscht.
Anerkennung für die HSV-Entwicklung
Baumgart zeigt sich anerkennend für die erfolgreiche Entwicklung des HSV unter seinem Nachfolger. „Die Entscheidungen im Nachgang mit Polzin als Cheftrainer oder die Rückkehr von Polzins Assistent Loic Favé waren richtig, weil sie zum gewünschten Ergebnis geführt haben“, analysiert er. „Da kann man nur gratulieren. Es ist für alle das Beste herausgekommen.“
Den Aufstieg im Mai 2025 habe er mit Freude miterlebt. „Ganz generell haben doch alle darauf gewartet, dass so ein Verein wieder zurück in der Bundesliga ist“, so Baumgart. „Und ich bin mir relativ sicher, dass ich keinen vergessen habe, zu dieser Leistung zu gratulieren.“
Neue Heimat bei Union Berlin
Nur sechs Wochen nach seinem HSV-Abschied fand Baumgart eine neue sportliche Heimat beim 1. FC Union Berlin. Der Verein aus Köpenick ist seine zweite große Fußballliebe – dort spielte er selbst und avancierte zum Fanliebling, dort lebt er mit seiner Familie, und seine Frau arbeitete lange für den Club.
In der vergangenen Saison sicherte Baumgart mit Union frühzeitig den Klassenverbleib, und auch in der aktuellen Spielzeit steht der Verein mit neun Punkten aus 21 Spielen solide im Mittelfeld. Drei Punkte und einen Spieltag Vorsprung hat Union dabei auf den HSV, der aktuell auf Platz elf rangiert. Allerdings reist die Mannschaft mit einer Serie von sechs Spielen ohne Sieg nach Hamburg.
Konzentration auf das nächste Spiel
Baumgart bleibt trotz der emotionalen Bedeutung des Spiels pragmatisch: „Mir nützt es nichts, irgendwelche Ziele auszugeben, sondern mit dem HSV steht das nächste Spiel vor der Tür, und wir sollten alles daransetzen, dieses zu gewinnen“, betont er. „Wir müssen eine sehr gute Leistung bringen, um eine Chance zu haben. Denn wir treffen auf eine Mannschaft, die endgültig dabei ist, sich mit ihren Leistungen und ihrer Spielgestaltung in der Bundesliga zu etablieren.“
Das Wiedersehen mit seinem einstigen Assistenten Merlin Polzin am Spielfeldrand verspricht zusätzliche Emotionen. Während Baumgart in Hamburg seine Kindheitsliebe wiedertrifft, geht es für Union Berlin um wichtige Punkte im Kampf um den Klassenerhalt – eine spannungsgeladene Konstellation, die das Bundesliga-Spiel am Samstag zu einem besonderen Highlight macht.



