Bundesliga-Skandal: Als der FC Homburg für Kondome warb und gegen den DFB gewann
Der Bundesliga-Skandal um den FC Homburg erscheint heute in einem völlig neuen Licht. Im Jahr 1988 machte der kleine Verein aus dem Saarland Werbung für Kondome auf seinem Trikot – und der Deutsche Fußball-Bund (DFB) gefiel das gar nicht. Doch die Homburger kämpften verbissen für ihre umstrittene Brustwerbung und erhielten schließlich recht. SPORT1 blickt zurück auf eine Affäre, die den deutschen Fußball nachhaltig prägte.
Ein Kampf mit ungleichen Mitteln
Mit großer Mühe hatte der FC Homburg 1987 die Klasse in der Bundesliga gehalten, nachdem sich der Aufsteiger in der Relegation gegen den FC St. Pauli durchsetzte. Zum Leidwesen der Branche damals, denn die Saarländer galten nicht gerade als Attraktion der Liga und führten auch finanziell einen Kampf mit ungleichen Mitteln. In ihre zweite Bundesligasaison starteten sie nach dem Absprung einer Brauerei zunächst ohne Trikotwerbung. Erst im März fanden sie endlich einen Brust-Sponsor: die Firma „London“, die neben Schnullern auch Kondome herstellte.
DFB verbietet die brisante Werbung
Die Freude über den neuen Sponsor währte jedoch nicht lange. Der DFB verbot umgehend die Reklame für das Unternehmen, da sie nach Ansicht des Verbandes „den Auffassungen von Sitte und Moral zumindest von Teilen der Bevölkerung widerspricht“. Die Homburger, bei denen damals übrigens der heutige Freiburg-Trainer Christian Streich unter Vertrag stand, mussten die Trikots vor dem Heimspiel gegen Waldhof Mannheim auf Intervention des Schiedsrichters wieder ausziehen und wie gewohnt mit blanker Brust spielen.
Juristischer Kampf und einstweilige Verfügung
Präsident Manfred Ommer ging daraufhin auf Konfrontationskurs und erwirkte am 10. März 1988 – heute vor genau 38 Jahren – die einstweilige Verfügung zur Erlaubnis der brisanten Werbung bis Saisonende. Auch der DFB hatte jedoch Anwälte, die nach einem Monat die Rücknahme der Verfügung erreichten. Die Affäre geriet zur Posse: Bis dahin hatte der FCH fünf Mal mit der umstrittenen Werbung gespielt, und der DFB drohte ernsthaft mit dem Abzug der aus diesen Partien gewonnenen fünf Punkte.
Schwarzer Balken und spöttische Kommentare
Die letzten sechs Spiele der Saison absolvierten die Saarländer vorsichtshalber mit einem schwarzen Balken auf der Brust und machten sich dabei lustig über den Verband. So verkündete der Stadionsprecher vor dem Heimspiel gegen Schalke 04: „Unsere Mannschaft spielt heute mit einem schwarzen Balken auf der Brust. Jeder, der die Hauptstadt Englands kennt, weiß, was sich unter diesem Balken verbirgt.“ Ähnlich sah es Christian Streich, wie er später erzählte: „Das war natürlich eine riesige Werbung für die Firma, weil jeder wusste, was druntersteht.“
Parallelen zur Jägermeister-Affäre
Fakt ist: Der Werbeeffekt wurde durch das Verbot und den daraus resultierenden Wirbel größer als ohne dieses. Hier drängen sich Parallelen zur Jägermeister-Affäre von 1973 mit Eintracht Braunschweig geradezu auf. Die Eintracht setzte damals die Trikotwerbung in der Bundesliga nach monatelangem juristischen Gezerre überhaupt erst durch. Der Name des Likörs stand zwar zunächst auch nicht auf dem Trikot, war aber täglich in den Nachrichten präsent.
Sponsor begeistert – DFB verspottet
Auch beim FC Homburg war der Sponsor begeistert und zahlte pünktlich das Honorar von 200.000 DM für die Saison. FCH-Präsident Manfred Ommer spottete derweil genüsslich über den DFB: „Die Dämlichkeit der Funktionäre ist eine Bank, auf die man setzen kann.“ Nur den Abstieg konnte auch London nicht verhüten. Der DFB gab auch nach der Saison keine Ruhe und schickte dem Absteiger eine Rechnung über 100.000 DM als Strafe für die fünf Spiele mit der aus seiner Sicht illegalen Brustwerbung.
Homburg bezahlt die Strafe nicht
Der FC Homburg bezahlte die Strafe jedoch nicht, denn die DFB-Moral passte nicht in die Zeit, deren großes globales Aufregerthema Aids war. Da sogar die Bundesregierung in großen Buchstaben auf Plakaten für den Gebrauch von Kondomen warb, konnte sich auch der DFB nicht länger hinter verstaubten Moralvorstellungen verschanzen. „Auf einmal sah ich uns, den kleinen FC Homburg, in der Tagesschau und dass wir keine Werbung für Kondome machen dürfen“, sagte Christian Streich später im AudiStarTalk rückblickend.
Ein Urteil im Zeitalter von Aids
„Kurz darauf sind wir wieder in der Tagesschau, dass das Gericht diese Werbung zulässt. Das Urteil war im beginnenden Zeitalter von AIDS eigentlich selbstverständlich“, ergänzte Streich. „Die Firma London ist, glaube ich, zufrieden gewesen mit der Werbung, schließlich gab es einen riesigen Presserummel.“ In der 2. Liga durfte der Klub laut Oberlandesgericht Frankfurt dann ganz offiziell für Englands Hauptstadt werben. Der Bundesliga-Skandal von Homburg bleibt damit ein faszinierendes Kapitel der Fußballgeschichte, das den Wandel gesellschaftlicher Normen eindrucksvoll dokumentiert.



