Im SPORT1-Podcast Leadertalk spricht Ciriaco Sforza über seine frühen Jahre, Trainerpersönlichkeiten wie Ottmar Hitzfeld und Otto Rehhagel – und gibt Einblicke in seine Karriere. Der ehemalige Fußballprofi gehört zu den prägenden Persönlichkeiten seiner Generation – als Spieler wie als Führungstyp.
Seine Karriere führte ihn von den Grasshoppers Zürich über den 1. FC Kaiserslautern und den FC Bayern München bis zu Inter Mailand. Er wurde Deutscher Meister, Champions-League-Sieger und Weltpokalsieger – und war dabei weit mehr als nur ein herausragender Fußballer. Sforza war Kapitän, Antreiber und jemand, der Verantwortung übernommen hat – auf und neben dem Platz. Was ihn dabei besonders gemacht hat, war nicht nur seine sportliche Qualität, sondern seine Haltung.
Von Zürich zum FC Bayern und Inter Mailand
Sforza war nie ein Spieler, der sich angepasst hat. Er hat Dinge angesprochen, auch wenn sie unbequem waren. Er hat geführt, auch wenn das bedeutete, anzuecken. Und genau darin lag eine seiner größten Stärken – und gleichzeitig der Ursprung vieler Konflikte in seiner Karriere.
Im SPORT1-Podcast Leadertalk mit Host und Business-Coach Mounir Zitouni spricht Sforza über diesen Weg: über seine frühen Jahre, in denen er Verantwortung gelernt hat, über prägende Trainerpersönlichkeiten wie Ottmar Hitzfeld und Otto Rehhagel, über seine Rolle als Kapitän und über die Dynamiken in Top-Mannschaften.
Er gibt Einblicke in eine Karriere, die von großen Erfolgen geprägt war – aber auch von Reibung, Missverständnissen und wichtigen Lernmomenten. Es geht um die Frage, was Führung im Leistungssport wirklich bedeutet. Um den Unterschied zwischen Klarheit und Härte. Um den Umgang mit Konflikten. Und um die Verantwortung, die entsteht, wenn man eine Mannschaft nicht nur sportlich, sondern auch menschlich mitprägt.
Gleichzeitig richtet Sforza den Blick auf den heutigen Fußball. Er spricht über die Entwicklung von Persönlichkeiten, über die Bedeutung von Vertrauen und darüber, warum es aus seiner Sicht wieder mehr Führungsspieler braucht – auf dem Platz und in den Vereinen. Ein Gespräch über Haltung, über Verantwortung – und über die Frage, warum echter Erfolg ohne Klarheit, Reibung und Persönlichkeit kaum möglich ist.
Sforza: „Sachen ansprechen, die wehgetan haben“
Sforza blickt offen auf seine Karriere und seine Persönlichkeit – und beschreibt sich selbst ohne Umwege: „Ich bin kein einfacher Mensch, ich habe meine Ecken und Kanten.“ Genau diese Ecken und Kanten waren es, die ihn als Spieler ausgezeichnet – und gleichzeitig immer wieder in Konflikte gebracht haben.
Für Sforza war Klarheit nie optional. Er hat Dinge angesprochen, die andere lieber vermieden hätten: „Die Sachen ansprechen, die am Anfang vielleicht gewissen Leute wehgetan haben.“ Entscheidend war für ihn dabei immer die Haltung: „Nicht im Bösen, sondern so, dass die Mannschaft, das Team im Verein, dass wir vorwärtskommen.“
Er eckte an – nicht, weil er provozieren wollte – sondern weil er Entwicklung einforderte. Diese Haltung ist tief verankert. Verantwortung zu übernehmen war für ihn selbstverständlich: „Ich habe es ein bisschen im Blut drin, die Verantwortung zu übernehmen.“ Geprägt wurde er vor allem durch seinen Vater, der selbst Fußball spielte, Trainer war und ihm früh eine klare Haltung mitgegeben hat: „Du brauchst Wille, du brauchst Leidenschaft.“ Für Sforza war das mehr als ein Ratschlag – es wurde zur Grundlage seines Weges.
„Der Mensch Ottmar Hitzfeld glaubte an diesen jungen Menschen“
Schon in jungen Jahren wird ihm Verantwortung übertragen – unter anderem von Ottmar Hitzfeld, der ihn 1990 vom FC Aarau zurück zu Grasshoppers Zürich holte. Für Sforza ist das ein entscheidender Moment: „Der Mensch Ottmar Hitzfeld glaubte an diesen Menschen, einen jungen Menschen, Sforza.“ Und machte ihn mit 20 Jahren zum Kopf der Mannschaft, im zentralen Mittelfeld. Vertrauen wurde für ihn zum Ausgangspunkt für Entwicklung – sportlich wie menschlich.
Als Spieler versteht Sforza Führung nicht als Rolle, sondern als Aufgabe. Besonders als Kapitän sieht er sich als Verbindung zwischen Trainer und Mannschaft: „Du bist auf dem Platz, der Trainer ist draußen, er kann dir Anweisungen geben, aber auf dem Platz kann er nichts machen.“ Deshalb brauche es Spieler, die Verantwortung übernehmen und das Team tragen. Diese Rolle lebt er konsequent – und stellt gleichzeitig hohe Anforderungen an sich selbst: „Wenn du Verantwortung übernimmst, die ich ja auch wollte, dann musst du auch vorangehen.“
Darum eckte Sforza immer wieder an – auch bei Otto Rehhagel
Genau dieser Anspruch – an sich selbst und an andere – ist ein zentraler Grund, warum Sforza aneckt. Seine Direktheit wird nicht immer sofort verstanden: „Das ist halt nicht überall immer so zu verstehen.“ Gleichzeitig bleibt er bei seiner Überzeugung: „Im Endeffekt … ist es ja nur das Beste für alle.“
Besonders sichtbar wird diese Spannung in der Zusammenarbeit mit Otto Rehhagel in Kaiserslautern, wo sie gemeinsam Meister wurden. Sforza beschreibt ihn vor allem über seine menschliche Qualität: „Was der uns alles gegeben hat, als Mensch, von Herzen.“ Für ihn liegt darin eine der größten Stärken: „Die ganz große Stärke von Otto war das Menschliche.“
Gleichzeitig zeigt sich hier auch ein Lernmoment seiner Karriere. Rückblickend sagt Sforza über eine zentrale Auseinandersetzung Ende der 90er-Jahre mit dem Meistertrainer, die er über die Medien austrug: „Das war der einzige Fehler … ich wäre lieber zuerst zum Otto hingegangen und hätte gesagt: Du, pass mal auf, Otto, ich sehe es so, so und so.“
Welche Lehre Sforza aus dem Zoff mit Rehhagel zog
Heute bewertet er das klar: „So darfst du es nicht mehr machen.“ Für ihn wird damit deutlich: Klarheit braucht den richtigen Rahmen. Trotzdem bleibt seine Grundintention unverändert: „Immer im Positiven. Immer erfolgsorientiert.“
Neben Rehhagel prägt ihn auch die Arbeit mit Hitzfeld in Zürich wie in München – allerdings auf eine andere Weise. Während Rehhagel vor allem über Menschlichkeit wirkte, stand Hitzfeld für Struktur und Konsequenz: „Sehr diszipliniert, ehrgeizig, Winnermentalität.“
Sforza beschreibt den Unterschied deutlich: „Beim Ottmar war einfach die Disziplin das A und O … das hat er rigoros durchgezogen.“ Beide Wege führen für ihn zum Erfolg: „Gewonnen haben sie alles. Aber das war schon ein Unterschied.“
„Habe gelernt, was überhaupt Winnermentalität heißt“
Seine Zeit bei Topklubs wie Bayern München und Inter Mailand schärft zusätzlich seinen Blick auf Mentalität. Besonders Spieler wie Oliver Kahn und Stefan Effenberg prägten ihn nachhaltig: „Ich habe da gelernt, was Winnermentalität überhaupt heißt.“ Für ihn zeigt sich diese Haltung nicht in Worten, sondern im Verhalten: „Jeder will gewinnen, aber zeig es auf dem Platz.“
Diese Erfahrungen prägen auch seinen Blick auf den heutigen Fußball. Talent sei oft vorhanden, doch er stellt eine zentrale Frage: „Aber haben sie den Charakter…?“ Gleichzeitig bleibt er differenziert: „Du musst ihnen aber auch das Vertrauen und die Zeit geben, sich zu entwickeln.“
Als Trainer verändert sich seine Perspektive deutlich. Die Verantwortung wird umfassender: „Als Spieler hast du deine Mitspieler und als Trainer hast du den ganzen Verein als Verantwortung.“ Und auch im Umgang mit Menschen wird mehr Sensibilität gefragt: „Als Trainer musst du sehr vorsichtig sein im menschlichen Bereich.“
Besonders prägend ist für ihn die Arbeit mit jungen Spielern – vor allem in seiner Zeit bei Grasshoppers Zürich. Dort begleitet er unter anderem Spieler wie Yann Sommer, Haris Seferovic und Fabian Lustenberger auf ihrem Weg in den Profifußball und ins Ausland. Für ihn ist das einer der größten Erfolge seiner Trainerkarriere: „Titel waren für mich, viele junge Spieler im Profibereich zu entwickeln und dann konnten sie teuer verkaufen ins Ausland.“ Diese Entwicklung bedeutet ihm mehr als jeder Pokal: „Das ist für mich wie eine Meisterschaft.“
Sein Verständnis von Erfolg geht dabei über einzelne Spieler hinaus. Entscheidend ist für ihn die Struktur eines Vereins: „Der Verein muss eine Achse haben.“ Diese Achse verbindet alle Ebenen: „Vom Präsidium über den Sportdirektor, über Trainerstab in die Mannschaft.“ Daraus entsteht das Fundament: „Eine Einheit.“
Innerhalb dieser Einheit braucht es für ihn genau das, was ihn selbst geprägt hat: „Leidenschaft“, „Winnermentalität“ und „verschiedene Charaktere.“ Denn entscheidend ist nicht Gleichheit, sondern Zusammenarbeit: „Es geht nicht um Neid, sondern zusammen erfolgreich zu sein.“ Der zentrale Faktor bleibt für ihn jedoch der Mensch: „Wenn du das nicht hast, wie willst du nur Erfolg haben?“ Und genau daraus entsteht seine klare Haltung – im Fußball und darüber hinaus: „Wir müssen wieder menschlicher werden.“
Für Sforza bedeutet das vor allem, wieder in den echten Austausch zu kommen: „Miteinander zu sprechen. Ja offen zu sprechen, ob was gut ist, was schlecht ist, wie können wir es besser machen.“ Denn für ihn ist klar, worauf es am Ende ankommt: „Nicht einer alleine, sondern alle zusammen.“



