Das unberührte Büro von Christoph Daum: Eine Zeitkapsel des deutschen Fußballs
Fast zwei Jahre nach dem Tod von Christoph Daum am 24. August 2024 gewährt seine Witwe Angelica Camm-Daum erstmals Einblick in das private Büro des legendären Trainers. Der Raum im Kölner Süden ist eine authentische Schatzkammer der Bundesliga-Geschichte, in der der Geist Daums weiterhin spürbar ist.
Persönliche Gegenstände und systematische Dokumentation
Auf dem Schreibtisch liegen noch immer Daums Brille, eine verkleinerte Meisterschale und persönliche Lektüre. Die Anordnung wirkt, als sei der Trainer nur kurz aufgestanden. Doch die wahre Bedeutung des Raumes offenbart sich in Dutzenden akribisch geführten Aktenordnern.
Jede Kabinenansprache ist protokolliert, jeder Spieler erhielt nach jedem Spiel eine Note von 1 bis 6. Drei spezielle Ordner enthalten Motivationssprüche und Geheimnisse der Zusammenarbeit mit Jürgen Höller – darunter die berühmte Übung, bei der Leverkusen-Spieler über Scherben laufen mussten.
Die nie veröffentlichte Bundestrainer-Kampagne
An der Wand hängt eine sensationelle Entdeckung: nie veröffentlichte Plakate für eine Werbekampagne, die 2001 Daum als neuen Bundestrainer präsentieren sollte. Die Kokain-Affäre zerstörte diesen DFB-Plan und damit einen Lebenstraum des Trainers.
„Ich habe nach dem Unterhaching-Drama immer gesagt, die Geschichte schuldet Bayer Leverkusen eine Deutsche Meisterschaft“, erklärt Fernando Carro, heutiger Leverkusen-Boss, im Gespräch mit BILD-Reporter Walter M. Straten. „Seit ich verantwortlich bin, war es mein Ziel, diesen Kreis zu schließen.“
Daums Trainer-Philosophie und heutige Relevanz
In handschriftlichen Notizen definierte Daum die Anforderungen an einen erfolgreichen Trainer:
- Magier
- Realist
- Diktator
- Schauspieler
- Schlitzohr
- Seelentröster
- Teamarbeiter
- Visionär
- Strategie
- Entscheider
„Das sind sehr viele für einen einzigen Menschen“, räumt Carro ein. „Aber tatsächlich ist Trainer der schwierigste Job im Fußballgeschäft. Du musst auf unserem Niveau 40 oder mehr Leute führen, Training vor- und nachbereiten, inhaltlich gut sein, kommunizieren und ständig Entscheidungen treffen.“
Historische Dokumente und Zukunft der Sammlung
Unter den Fundstücken befindet sich ein handschriftlicher „Fahrplan zur deutschen Meisterschaft 2000“ aus dem Trainingslager in Rom – ein Plan, der im Drama von Unterhaching scheiterte, als Leverkusen am letzten Spieltag mit 0:2 die sicher geglaubte Schale verschenkte.
Eine interne DFB-Notiz vom 2. Juli 2000 zeigt, wie weit man für Daum als Bundestrainer gehen wollte: Das Pokalfinale 2001 wurde terminlich so angesetzt, dass er dort noch Leverkusen hätte coachen können, um dann sofort zur Nationalmannschaft zu wechseln.
Über die Zukunft der Sammlung wird noch entschieden. Bayer 04 Leverkusen hat bereits Interesse an einer musealen Präsentation angemeldet. Die Witwe Angelica und die Familie stehen vor der schwierigen Aufgabe, das umfangreiche Vermächtnis angemessen zu bewahren.
Christoph Daum bleibt mit einem besonderen Rekord in Erinnerung: Als Meister-Trainer des VfB Stuttgart holte er die Schale nicht nach 34, sondern erst nach 38 Spielen – eine Folge der Aufstockung der Liga auf 20 Vereine nach der deutschen Wiedervereinigung 1991/92.



