Ex-DFB-Pressechef Stenger kritisiert Präsident Neuendorf scharf: "Profillos und ohne Haltung"
Ex-DFB-Pressechef Stenger: "Neuendorf wirkt profillos"

Ex-DFB-Pressechef Stenger übt scharfe Kritik an Präsident Neuendorf

Harald Stenger, der von 2001 bis 2010 als Mediendirektor des Deutschen Fußball-Bundes und bis 2012 als Sprecher der Nationalmannschaft fungierte, hat in einem exklusiven Interview deutliche Worte gefunden. Der 75-Jährige, der einst Nationaltrainer wie Rudi Völler, Jürgen Klinsmann und Joachim Löw betreute, äußert sich kritisch zur aktuellen Lage beim DFB.

"Was mich am DFB am meisten nervt, ist der Präsident"

Stenger geht mit DFB-Präsident Bernd Neuendorf hart ins Gericht. "Bernd Neuendorf hat zwar Ruhe reingebracht. Aber er ist ein Mann der leisen Töne - und wirkt profillos", so der ehemalige Pressesprecher. "Das merkt man auch international. Gerade bei Themen wie Saudi-Arabien oder der Nähe der FIFA zu Donald Trump erwarte ich mehr Haltung." Stenger fordert mehr Courage und kritische Meinungsäußerung, selbst wenn dadurch die Entscheidungen von FIFA-Präsident Gianni Infantino nicht zu stoppen seien.

Medienarbeit heute: Abschottung statt Offenheit

Der erfahrene Medienprofi beobachtet einen grundlegenden Wandel in der Kommunikation des Verbandes. "Heute beobachte ich oft das Gegenteil: Abschottung, übertriebene und ängstliche Kontrolle von Interviews, starke Einflussnahme auf Journalisten", kritisiert Stenger. Er betont, dass Medienarbeit in erster Linie Service für Journalisten und Öffentlichkeit sein müsse, keine reine Marketing-Strategie.

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Besonders problematisch findet Stenger den Umgang mit Spielerinterviews: "Ich bin für Autorisierung - sie macht Sinn. Aber Autorisierung ist keine Zensur." Wenn Pressesprecher Aussagen streichen würden und sich Spieler anschließend beim Journalisten beschwerten, weil wichtige Punkte fehlten, laufe etwas grundsätzlich falsch.

Bewertung der Nationalmannschaft unter Nagelsmann

Zur aktuellen Situation der Nationalmannschaft unter Bundestrainer Julian Nagelsmann äußert sich Stenger differenziert. "Nach fast zehn Jahren ohne großen Erfolg muss man vor dieser WM realistisch sein: Wir sind noch immer eine große Fußball-Nation, aber keiner der Topfavoriten", analysiert der Ex-Pressechef. Das Viertelfinale sei das Minimalziel bei normalem Verlauf.

Stenger bewertet Nagelsmanns viel diskutiertes kicker-Interview positiv: "Ich finde das Interview absolut okay. Die negativen Kommentare, die im Netz zu lesen sind, verstehe ich nicht." Es handele sich um eine Tour d'Horizon und Fachsimpelei des Bundestrainers über die aktuelle Situation des Kaders, die für Fans interessant sei.

Kritik an der politischen Positionierung

Besonders deutlich wird Stenger bei der politischen Dimension des Fußballs. Die Diskussion um die Kapitänsbinde bei der WM in Katar hätte es seiner Meinung nach nie geben dürfen. "In jedem WM-Workshop werden die FIFA-Regeln in allen offiziellen Infos allen teilnehmenden Mannschaften mitgeteilt", erklärt er. Wer dann kurz vor dem Turnier symbolpolitisch Druck aufbaue, dürfe sich über die Reaktion nicht wundern. "Am Ende stand der DFB als Verlierer da."

Zum Vergleich zwischen den Kapitänen Philipp Lahm und Joshua Kimmich sagt Stenger: "Philipp Lahm war 2012 vor der EM in einem Interview mit der Zeit zur damaligen Situation in der Ukraine durchaus klar in seiner Haltung. Er war etwas mutiger als Kimmich." Meinungsfreiheit für Sportler gehöre dazu, betont der ehemalige Pressesprecher.

Traurige Erinnerung an Mesut Özil

Besonders emotional wird Stenger, wenn er über Mesut Özils Entfremdung von Deutschland spricht. "Es ist für mich nicht nur eine der traurigsten, sondern eine der unfassbarsten Entwicklungen", sagt der 75-Jährige. Bis zu Özils Hochzeit habe er einen guten Draht zu dem Spieler gehabt, ihn freundschaftlich begleitet und auch manches Kritische sagen können.

"Wer in Südafrika dabei war und gesehen hat, wie Mesut dort im übertragenen Sinne die deutsche Fahne hochgehalten hat, kann sich nicht erklären, dass es dann zu so einem Bruch kam", so Stenger weiter. Diese Entwicklung stimme ihn fassungslos.

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Persönliche Einblicke und Vertrauen

Abschließend gewährt Stenger einen privaten Einblick in seine DFB-Zeit: "Ich war abends oft in der Sauna im Mannschaftshotel. Der Kreis der Spieler in dieser Runde wurde immer größer, wir sprachen über Gott und die Welt - und nichts davon drang nach außen." Dieses gegenseitige Vertrauen sei sensationell gewesen. Heute wäre so etwas wahrscheinlich undenkbar.

Stengers Fazit nach mehr als einem Jahrzehnt im Dienst des DFB bleibt positiv: "Die Jahre mit der Nationalmannschaft waren ein Geschenk." Dass er bis heute einen guten Draht zu vielen ehemaligen Trainern und Spielern habe, zeige, dass es mehr als nur ein Job gewesen sei. Es war eine wunderschöne Zeit, die jedoch heute von anderen Mechanismen und Herausforderungen geprägt sei.