Der FC Thun hat in dieser Saison ein wahres Fußballmärchen geschrieben – doch bei der Krönung seiner historischen Spielzeit hat der Schweizer Sensationsmeister seiner Erfolgsstory noch ein unrühmliches Kapitel hinzugefügt. Im letzten Spiel vor der Übergabe des Meisterpokals setzte es vor den heimischen Fans eine empfindliche 3:8 (2:3)-Derbyklatsche gegen die Young Boys Bern. Obendrein gab es auch noch zweimal Rot gegen die Gastgeber.
Ein skurriler Moment in der Fußballgeschichte
„Jetzt sorgt der FC Thun auch noch für einen der skurrilsten Momente in der Fußballgeschichte“, titelte die Berner Zeitung. „Der Meister wird erst deklassiert und danach gekrönt“, schrieb das Blatt und zeigte sich fast schon peinlich berührt: „Es ist ein unwürdiges letztes Kapitel eines Märchens.“ Die Boulevardzeitung Blick titelte: „Die schönste Klatsche der Geschichte.“
Wildes Spiel mit zwei Platzverweisen, drei Elfmetern und elf Toren
Zunächst erholte sich Thun von der kalten Dusche durch den Ex-Augsburger Samuel Essende (1.) und antwortete mit einem Doppelschlag von Elmin Rastoder (11., 13.). Doch dann schlüpfte YB mehr und mehr in die Rolle des Partycrashers. Noch vor der Pause drehten Essende (26., Foulelfmeter) und Alvyn Sanches (43.) die Partie. Thuns Kapitän Marco Bürki sah zu allem Überfluss nach VAR-Check aufgrund eines Ellenbogenchecks die Rote Karte (45.+3).
In Überzahl kannten die Gäste nach dem Seitenwechsel keine Gnade mit dem neuen Meister. Essende (54., Foulelfmeter), Alan Virginius (64.), Christian Fassnacht (68.) und Chris Bedia (77., Foulelfmeter) sorgten für eine deutliche Führung. Thuns Jan Bamert hatte den dritten Elfmeter für YB mit einer Notbremse verschuldet und dafür die Rote Karte (76.) kassiert. Trotz doppelter Unterzahl durften die Gastgeber nochmals jubeln: Leonardo Bertone (79.) traf sehenswert per Freistoß unter die Latte, ehe Fassnacht (81.) für Bern den Schlusspunkt setzte. Anschließend feierte Thun trotzdem die Pokalübergabe ausgelassen mit den Fans.
„Am Schluss ist es scheißegal“
„Wir haben zum Glück die Meisterschaft vorher schon sicher gehabt. Am Schluss ist es, so dumm es klingt, scheißegal“, sagte Bertone hinterher bei blue Sport. „Wir haben den Pokal, das ist das Schönste, was wir in dieser Saison erreichen konnten. Wir sollten stolz sein, egal, was in den letzten Spielen passiert ist. Wir hätten uns natürlich noch besser von den Fans verabschieden können, aber am Schluss sollten wir stolz sein.“
Die Mannschaft von Trainer Mauro Lustrinelli sicherte sich erstmals in der 128-jährigen Vereinsgeschichte den wichtigsten Titel in der Schweiz. Die Entscheidung fiel Anfang Mai, als Verfolger FC St. Gallen patzte. Überraschungsteam Thun schien auf den letzten Metern im Angesicht des Titels etwas die Puste auszugehen, sechs der vergangenen sieben Spiele gingen verloren. Doch der zwischenzeitlich deutliche Vorsprung in der Tabelle reichte letztlich zum Titelgewinn.



