Jürgen Klinsmann über die emotionalen Herausforderungen des Bundestrainer-Amts
Der ehemalige Bundestrainer Jürgen Klinsmann hat in einem ausführlichen Interview die emotionalen Schattenseiten seiner früheren Tätigkeit beleuchtet und dem aktuellen Nationaltrainer Julian Nagelsmann den Rücken gestärkt. Besonders die schwierigen Entscheidungen bei der Zusammenstellung des WM-Kaders beschrieb Klinsmann als seelisch belastend.
Die Qual der Kadernominierung
„Diese Entscheidung, jemanden nicht mitzunehmen zu einer Weltmeisterschaft, der es eigentlich von außen betrachtet laut vielen Fans verdient hätte, das ist unglaublich schwer und beschäftigt dich“, erklärte Klinsmann im „Spielmacher“-Podcast von 360 Media. Der 61-Jährige sprach dabei aus eigener Erfahrung, denn bereits bei der Heim-WM 2006 musste er gemeinsam mit Joachim Löw, Andreas Köpke und Oliver Bierhoff diese schmerzhaften Entscheidungen treffen.
„Das wird den Kerl sein Leben lang beschäftigen, dass er da im letzten Moment den Sprung nicht in den Kader geschafft hat. Das tut dir einfach in der Seele weh“, schilderte Klinsmann die emotionale Belastung. Einige Spieler würden schlichtweg nicht in das „Puzzle“ passen, das durch das Trainerteam zusammengestellt wurde.
Medienlandschaft verschärft den Druck
Klinsmann wies darauf hin, dass die Situation für Nagelsmann heute noch schwieriger sei als zu seiner eigenen Amtszeit. „Mit der Veränderung der Medienlandschaft, vor allem mit Social Media, wo alles interpretiert wird – jede Mimik – da wird unglaublich viel hineingedichtet“, analysierte der Ex-Trainer. Die Reaktionen auf Kadernominierungen hätten sich durch die Vielzahl an Stimmen in sozialen Netzwerken noch einmal multipliziert.
„Da bist du schon fix und fertig nach den Telefonaten, die du dann mit den Jungs führst. Da brauchst du erstmal einen Moment Ruhe, um das zu verarbeiten“, erinnerte sich Klinsmann an seine eigenen Erfahrungen mit Absagen an Spieler.
Ratschlag an Nagelsmann: Fokus auf das Wesentliche
Klinsmanns eindeutiger Rat an den aktuellen Bundestrainer lautet: „Du musst dich davon einfach lösen und das macht Julian mit Sicherheit. Er wird die Entscheidungen treffen und dazu stehen.“ Beim WM-Turnier in den USA, Mexiko und Kanada werde sich Nagelsmann dann „schon lange von diesen Querfeuern und anderen Meinungen losgemacht“ haben.
Der ehemalige Nationalstürmer betonte: „Die Mannschaft muss sich auf das fokussieren, was sie machen kann. Der Julian wird sich auf das fokussieren, was er machen kann.“ Diese Konzentration auf die eigenen Stärken sei entscheidend für den Turniererfolg.
Hoffnung auf positives Karma für die WM
Insgesamt kann sich Klinsmann im Sommer ein erfolgreiches Turnier der DFB-Elf vorstellen und hofft auf viel „positives Karma“ für das Team. „Ich wünsche mir, dass wir der Mannschaft so viele positive Gedanken und Unterstützung wie möglich geben, damit sie dieses Abenteuer angeht“, erklärte Klinsmann.
Er führte weiter aus: „Ich sage immer, du kreierst ein schlechtes Karma, dann bekommst du schlechtes Karma. So war es mit Russland und Katar.“ Die positive Grundstimmung in der Bevölkerung und den Medien könne somit einen entscheidenden Beitrag zum Erfolg der Nationalmannschaft leisten.
Bundestrainer Julian Nagelsmann hatte bereits vor der Länderspielpause mehrfach betont, dass der aktuelle Kader dem WM-Aufgebot bereits sehr ähnlich sei. Die Testspiele gegen die Schweiz und Ghana dienten somit der finalen Evaluierung vor der Nominierung für das Turnier in Nordamerika.



