Kohfeldt blickt selbstkritisch auf seine Werder-Vergangenheit zurück
Fünf Jahre nach seinem Abschied von Werder Bremen öffnet sich Florian Kohfeldt in einem ausführlichen Interview und reflektiert seine lange Zeit beim Traditionsverein. Der aktuelle Trainer von Darmstadt 98 beschreibt seine damalige Haltung mit den Worten: „Ich wollte Werder nach außen so verteidigen, als wäre ich der erste Ultra, nur eben da unten an der Seitenlinie.“ Diese emotionale Verbundenheit sei jedoch nicht immer gesund gewesen, wie der 43-Jährige heute einräumt.
15 Jahre im Dienste des Vereins
Kohfeldt verbrachte insgesamt 15 Jahre bei Werder Bremen, wo er in verschiedenen Funktionen tätig war – als Jugendtrainer, Co-Trainer, Amateurtrainer und schließlich als Cheftrainer. Seine größte Anerkennung erhielt er 2018, als er zum „Trainer des Jahres“ in der Fußball-Bundesliga gewählt wurde. Doch drei Jahre später musste er den Club unter tragischen Umständen verlassen, nur einen Spieltag vor dem bitteren Erstliga-Abstieg.
In dem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ betont Kohfeldt seine tiefe Loyalität: „Zu diesem Club hatte ich die größte Loyalität, die man sich nur vorstellen kann. Die maximale persönliche und emotionale Verbundenheit.“ Diese Haltung erstreckte sich sogar auf wirtschaftliche Themen während der Corona-Pandemie und mögliche Vereinswechsel, die damals zur Debatte standen.
Die Kehrseite der emotionalen Bindung
Heute sieht Kohfeldt seine damalige Einstellung kritischer: „Immer und überall habe ich für diesen Verein gekämpft und mir das auch ansehen lassen. Inzwischen habe ich das reflektiert und weiß: Dadurch ist etwas entstanden, was nicht gut, nicht gesund war.“ Er gesteht ein, dass er sich für Bereiche verantwortlich fühlte, die eigentlich nicht zu seinem originären Einflussgebiet gehörten.
Trotz dieser Selbstkritik erkennt Kohfeldt auch positive Aspekte seiner Amtszeit an: „Wir haben damals, glaube ich, wichtige Dinge angestoßen: Strukturen, Inhalte, medizinische Abteilung, die Vernetzung mit dem NLZ, solche Sachen.“ Allerdings sei er „teilweise übers Ziel hinausgeschossen“, was aus seiner guten Motivation heraus geschah, aber dennoch problematisch war.
Neue Perspektive in Darmstadt
Nach Stationen beim VfL Wolfsburg und bei KAS Eupen in Belgien arbeitet Kohfeldt seit September 2024 für Darmstadt 98 in der zweiten Liga. Der Trainer vergleicht seine beiden Engagements: „Bei Werder war ich hunderttausend Prozent all-in, in allem. Auch in Darmstadt bin ich all-in, aber gesünder.“ Er habe gelernt, besser zu erkennen, wann er sich zurücknehmen müsse und wann er vorneweg gehen sollte.
Mögliches Wiedersehen in der Relegation
Eine besondere Brisanz erhält das Interview durch die aktuelle Tabellensituation. Werder Bremen kämpft gegen den Bundesliga-Abstieg, während Darmstadt 98 um den Aufstieg in die erste Liga spielt. Sollten beide Clubs ihre Positionen halten, könnten sie sich im Mai in der Relegation gegenüberstehen.
Kohfeldt äußert sich ambivalent zu diesem möglichen Szenario: „Als Privatmensch wäre dies das Allerschlimmste, was passieren könnte. Aber man darf auch nicht an Realitäten vorbeigucken.“ Gleichzeitig betont er: „Nach aktuellem Tabellenstand wäre das die Konstellation in der Relegation. Wobei ich natürlich hoffe, dass sich Werder schnell aus dieser bedrohlichen Zone entfernt.“
Das Interview zeigt einen gereiften Trainer, der seine emotionale Vergangenheit bei Werder Bremen kritisch reflektiert, während er gleichzeitig vor einer möglichen beruflichen Konfrontation mit seinem ehemaligen Herzensclub steht.



