Fast 300 Pflichtspiele für Carl Zeiss Jena, dreimal Pokalsieger, 1976 Olympiasieger mit der DDR-Auswahl, WM-Teilnehmer 1974: Als Fußballer hat Lothar Kurbjuweit eine bemerkenswerte Karriere hingelegt. Aber da ist dieser 13. Mai 1981, der sich in sein Gedächtnis eingebrannt hat und der ein dunkler Fleck in seinem erfolgreichen Fußball-Leben bleiben wird. Lothar Kurbjuweit sagt 45 Jahre später, dass es kein Trauma sei. Das ist vielleicht zu hoch gegriffen. „Aber es kommt immer wieder hoch“, erzählt der heute 75-Jährige.
An jenem 13. Mai 1981 stand letztmals ein DDR-Klub in einem europäischen Cupfinale und verlor es. Im Düsseldorfer Rheinstadion unterlagen die Thüringer im Endspiel um den Europapokal der Pokalsieger gegen Dinamo Tiflis mit 1:2 (0:0). Drei Minuten vor dem Schlusspfiff zerstörte Witali Darasselija mit einem trockenen Schuss zum 2:1 alle Hoffnungen der DDR-Fußballer auf den großen Coup. „Dieses Tor tut heute noch sehr weh“, sagt Kurbjuweit, der damals Kapitän des Oberligisten war.
Hoppe traf zur Führung
63 Minuten hatten die Thüringer eine starke Leistung gezeigt, spielten diszipliniert gegen die hoch veranlagten Georgier und belohnten sich mit der Führung durch Gerhard Hoppe. Was aber danach auf dem Rasen passierte, darüber schütteln viele Jenenser noch heute den Kopf. Statt den Fokus erst einmal weiter auf eine sichere Defensive zu legen, stürmten die Carl-Zeiss-Fußballer plötzlich nur noch nach vorn. Vier Minuten nach dem 1:0 glichen die Georgier durch Wladimir Guzajew aus - es war der Anfang vom Ende eines großen Traums. „Wir haben völlig die Ordnung verloren, jeder ist nach vorn gerannt“, sagt Lothar Kurbjuweit. Rüdiger Schnuphase, damals Abwehrchef, erinnerte sich in einer Doku des MDR an die unheilvolle Phase: „Plötzlich spielten alle verrückt. Ich begreife das heute noch nicht.“
Die technisch starken und schnellen Dinamo-Spieler nahmen die Einladung dankend an. Allen sei klar gewesen, dass dieses Europapokalfinale wahrscheinlich die einzige Chance ist, einen großen Klubtitel zu gewinnen. „Ich bin mit Jena nie DDR-Meister geworden, und dann hast du wirklich diese eine Chance, einen europäischen Titel zu holen. Das war sehr, sehr bitter damals“, erinnert sich der einstige Abwehrspieler und fügt hinzu: „Aber oft wird vergessen, dass Tiflis damals eine unglaublich starke Mannschaft war, mit sechs oder sieben sowjetischen Nationalspielern.“
Drei Topklubs ausgeschaltet
Traurig war die Kulisse damals in Düsseldorf, knapp 5000 Zuschauer verloren sich beim Duell der Ostblock-Klubs im Stadion. Die DDR ließ nur 1000 ausgewählte Fans zum Finale in den Westen reisen. „Eine Schande war das“, sagt Kurbjuweit. Der Sieg in Düsseldorf wäre die Krönung einer außergewöhnlichen Europacup-Saison der Thüringer gewesen. Der Weg des FC Carl Zeiss Jena ins Finale ist längst ein Stück Fußballgeschichte. Lothar Kurbjuweit weiß das alles und schwankt deshalb zwischen Stolz auf diese Saison und der Enttäuschung von Düsseldorf.
Mit AS Rom, Benfica Lissabon und Cupverteidiger FC Valencia hatte Jena drei Klubs aus dem Wettbewerb geworfen, die zu jener Zeit zur europäischen Spitze zählten. In Erinnerung sind vielen Fans des Ostfußballs vor allem die Duelle in der 1. Runde mit den Römern geblieben. Das Hinspiel im Herbst 1980 in der italienischen Hauptstadt verlor Jena sang- und klanglos mit 0:3. Die DDR-Sportpresse ging mit den Zeiss-Fußballern nicht zimperlich um. Doch im Rückspiel schaffte Jena wirklich die Sensation. Stürmer Martin Trocha sprach von einem Jahrhundertspiel. Mann des Abends beim 4:0 war der 21-jährige Andreas Bielau, der im Sommer von Sachsenring Zwickau gekommen war und das 3:0 und 4:0 schoss - fast alle DDR-Bürger waren wohl Jena-Fans an diesem rauschhaften Abend.
Trainer der Jenenser war damals ein gewisser Hans Meyer, der später Kultstatus erlangte. „Wenn man sich das Spiel gegen Rom heute noch einmal anschaut, dann sieht man, welches unglaubliches Tempo wir gegangen sind, und das vor 40 Jahren“, sagte er anlässlich eines Wiedersehentreffens in Jena vor fünf Jahren.
Torwart Grapenthin überragte
Der DDR-Pokalsieger erwies sich in der Cupsaison 80/81 als unglaublich heimstark, das mussten auch der FC Valencia mit dem argentinischen Weltmeister Mario Kempes in Runde 2 (3:1) und Benfica Lissabon im Halbfinale (2:0) leidvoll erfahren. Jena verlor zwar die Rückspiele jeweils mit 0:1, doch das reichte fürs Weiterkommen. Als dickster Brocken auf dem Weg nach Düsseldorf erwies sich ausgerechnet der absolute Außenseiter im Wettbewerb - der walisische Pokalsieger Newport County. Im Viertelfinal-Hinspiel im Ernst-Abbe-Sportfeld quälte sich Jena zu einem 2:2. Im Rückspiel sicherte Lothar Kurbjuweit mit einem Freistoßtreffer den 1:0-Sieg. „Das war schon komisch, dass das gegen Newport das schwierigste war“, sagt Kurbjuweit. Der Sieg in Wales ist in erster Linie Torwart Hans-Ulrich Grapenthin zu verdanken gewesen, der die Briten fast zum Verzweifeln brachte. „Sprotte hat uns oft das Leben gerettet, nicht nur in Wales“, sagt der damalige Kapitän. Grapenthin - Spitzname Sprotte - war 1966 von Motor Wolgast an die Kernberge gekommen und zählte damals zu den besten Torhütern im DDR-Fußball. „Er war ein Weltklasse-Torwart“, sagte Hans Meyer einmal.
Die Krönung gab es nicht. Was bleibt, sind die Erinnerungen an berauschende Fußball-Nächte mit dem FC Carl Zeiss Jena. „Erst im Nachhinein ist mir bewusst geworden, was die Jungs eigentlich geleistet haben“, erzählte Hans Meyer in der TV-Doku. Zwei Wochen später verspielte Carl Zeiss Jena auch den Meistertitel in der Oberliga: Am letzten Spieltag hätten die Thüringer beim BFC Dynamo gewinnen müssen, doch sie verloren mit 1:2. Ein Titel ging dann aber doch nach Jena: Hans-Ulrich Grapenthin wurde zum DDR-Fußballer des Jahres gekürt. Seine Clubkollegen Eberhard Vogel und Rüdiger Schnuphase folgten auf den Plätzen zwei und drei. Es dürfte ein schwacher Trost gewesen sein.



