Udo Latteks surrealer BVB-Rettungsakt: Wie der Jahrhundert-Trainer 2000 den Abstieg verhinderte
Am 13. April 2000 erlebte die Bundesliga einen der surrealsten Momente ihrer Geschichte: Der legendäre Udo Lattek kehrte mit 65 Jahren auf die Trainerbank zurück und übernahm Borussia Dortmund in akuter Abstiegsgefahr. Was folgte, war ein Comeback, das bis heute als eine der außergewöhnlichsten Episoden des deutschen Fußballs gilt.
Die turbulente Vorgeschichte: Von der Tabellenspitze in die Abstiegszone
Borussia Dortmund startete die Saison 1999/2000 vielversprechend und führte nach dem neunten Spieltag sogar die Tabelle an. Doch bis zur Winterpause sackten die Schwarz-Gelben dramatisch ab. Der Rückrundenauftakt mit einer 0:1-Niederlage gegen den 1. FC Kaiserslautern kostete Trainer Michael Skibbe das Amt.
Sein Nachfolger Bernd Krauss erwies sich als kapitaler Fehlgriff. „Ich habe ihn fachlich und menschlich sehr geschätzt“, erinnerte sich später Spieler Miroslav Stevic, „aber er war zur falschen Zeit am falschen Ort.“ Krauss gewann keines seiner elf Spiele, und nach der sechsten Niederlage in Serie musste er gehen.
Latteks spektakuläre Rückkehr: Der Jahrhundert-Trainer sagt zu
In dieser dramatischen Situation vollzog Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc einen spektakulären Coup: Er verpflichtete Udo Lattek, der seine phänomenale Trainerkarriere eigentlich 1993 beendet hatte. „Udo Lattek soll mit seinen fachlichen Qualitäten die Mannschaft führen, denn die Situation ist dramatisch“, begründete Zorc die Entscheidung.
Lattek, der sich Sonntag für Sonntag im Doppelpass als meinungsstarker Experte präsentierte, kehrte damit nach sieben Jahren Pause zurück auf die Trainerbank. „Dass Lattek am Ende das Team übernommen hat, passte in diese verrückte Saison“, kommentierte Stevic die surreal anmutende Entwicklung.
Das Dreamteam: Lattek, Sammer und Neuhaus
Lattek übernahm die Verantwortung nicht alleine. An seiner Seite stand der damals 32-jährige Matthias Sammer, der bis 1999 noch als Spieler für den BVB aktiv gewesen war, als Co-Trainer. Uwe Neuhaus komplettierte als weiterer Assistent das Trainerteam.
„Die Rollen waren klar verteilt“, erklärte Stevic die Arbeitsteilung. „Lattek hat die ganze Aufmerksamkeit der Presse auf sich gezogen. Sammer und Neuhaus übernahmen das Training.“ Beim ersten Spiel nach Latteks Rückkehr gegen den MSV Duisburg umlagerten Fotografen die Trainerbank, um den Jahrhundert-Trainer in seinem charakteristischen hellen Trenchcoat und mit DSF-Kappe zu sehen.
Psychologische Meisterleistung: Lattek als „Sigmund Freud des Fußballs“
Lattek erwies sich nicht nur als taktischer Kopf, sondern vor allem als brillanter Psychologe. Vor dem entscheidenden Spiel am 32. Spieltag beim VfB Stuttgart bereitete er seine Spieler mit bildhaften Vergleichen auf den Gegner vor.
Stevic, der Stuttgarts Spielmacher Krassimir Balakov bewachen sollte, erinnerte sich: „Udo Lattek hat mir gesagt, dass ich mich wie ein Adler verhalten muss, der die ganze Zeit seine Beute im Blick hat.“ Die Worte fruchteten: Stevic neutralisierte Balakov erfolgreich.
Das Schicksalsspiel in Stuttgart: Herrlichs spätes Siegtor
Die Partie in Stuttgart entwickelte sich zum wahren Dramenspiel. Bis zur 89. Minute stand es 1:1, als Heiko Herrlich in der Schlussminute zum entscheidenden Treffer kam. „In meiner Erinnerung war der Jubel nach dem Siegtor noch größer als zwei Jahre später bei Dortmunds Meisterschaft“, berichtete Stevic über den emotionalen Moment.
Dieser Sieg ebnete den Weg zum Klassenerhalt, den Latteks Team nach einem 1:1 im Derby gegen Schalke 04 endgültig perfekt machte. Zum Abschluss holten die Dortmunder noch einen 3:0-Sieg bei Hertha BSC.
Das Vermächtnis: Latteks kurzes, aber prägendes Engagement
Nach erfolgreichem Abschluss der Rettungsmission verabschiedete sich Lattek wieder aus dem Trainergeschäft. Matthias Sammer übernahm das Team, und der Doppelpass hatte bis zu Latteks TV-Ruhestand 2011 wieder seinen meinungsstarken Experten zurück.
Für sein kurzes Engagement in Dortmund soll der 2015 verstorbene Lattek etwa eine Million D-Mark erhalten haben. Aus Sicht von Stevic hatte sich der Trainer jeden Pfennig verdient: „Es gibt wenige Trainer, für die das gilt: Einer davon war Udo Lattek.“
Diese surreal anmutende Episode bleibt als Beweis für Latteks unvergleichliche Autorität und psychologisches Geschick in Erinnerung - ein kurzes, aber unvergessliches Kapitel der Bundesliga-Geschichte.



