Ex-Weltmeister-Trainer Löw: Die Ära der Fußball-Spezialisten ist beendet
Joachim Löw, der ehemalige Weltmeister-Trainer der deutschen Nationalmannschaft, hat in einem aktuellen Interview eine klare Analyse des modernen Fußballs präsentiert. Seiner Ansicht nach ist die Zeit der spezialisierten Spielerpositionen auf internationalem Topniveau vorüber. „Niemand sucht mehr nach einem Regisseur, nach einer klassischen Nummer 10, niemand braucht mehr einen reinen 'Abräumer'“, erklärte Löw in einem Gespräch mit der „Zeit“.
Generalisten wie Kimmich und Pedri als neue Vorbilder
Als Beispiele für diese neue Generation von Fußballprofis nannte Löw namhafte Spieler, die durch ihre Vielseitigkeit glänzen. „Die Weltklassespieler von heute, nehmen Sie bis vor Kurzem Toni Kroos oder heute Joshua Kimmich oder Pedri von Barcelona, sie alle sind auf hohem Niveau Generalisten“, so der 66-jährige Trainer. Diese Spieler zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht fest auf einer Position eingesetzt werden müssen, sondern flexibel in verschiedenen Rollen agieren können.
Joshua Kimmich spielt mal in der Abwehr, mal als Sechser vor der defensiven Kette. Der spanische Mittelfeldspieler Pedri ist offensiver ausgerichtet, agiert im zentralen Mittelfeld, aber auch gelegentlich im Sturm bei Barcelona. Toni Kroos, der unter Löw 2014 Weltmeister wurde, spielte während seiner ruhmreichen Karriere sowohl zentral als auch defensiv im Mittelfeld. Für alle drei gilt, dass sie vor allem durch ihre herausragende Spielintelligenz eine Mannschaft führen können.
Spielintelligenz statt reiner Kampf
Löw beschrieb die Qualitäten dieser modernen Fußballer detailliert: „Sie erkennen Situationen, bevor sie entstehen. Sie verfügen über eine überragende Technik, ihre Bewegungen führen immer weg vom Gegner, ihre Blicke suchen die freien Räume, die vor ihnen liegen. Sie grätschen nicht – und nur im Notfall spielen sie Foul. Sie laufen nicht weniger, aber sie laufen intelligenter.“
Der ehemalige Bundestrainer kritisierte dabei deutlich die in Deutschland verbreitete Vorstellung von kämpferischem Fußball: „In Deutschland wird gern gesagt: Wir müssen mehr kämpfen, wir müssen dreckig spielen. Damit gewinnt man vielleicht mal ein Spiel oder zwei, aber so wird man nie ein großes Turnier gewinnen oder die Champions League, auch nicht die Bundesliga“. Mannschaften, die vor allem rennen, kämpfen und häufig foulen würden, könnten auf oberstem Niveau keine Spiele gewinnen, so Löws Überzeugung.
Mögliches Comeback als Trainer
Zur Frage eines möglichen Comebacks auf der Trainerbank äußerte sich Löw zurückhaltend, aber nicht abweisend. „Tatsächlich sehe ich keinen großen Reiz darin, Wochenende für Wochenende Bundesligaspiele zu bestreiten. Aber ein Team mit internationalen Ambitionen mit Ausdauer an die europäische Spitze zu führen, das könnte ich mir vorstellen“, erklärte der ehemalige Nationaltrainer. Sollte kein entsprechendes Angebot kommen, sei das für ihn aber auch „völlig in Ordnung“.
Joachim Löw war nach der WM 2006 in Deutschland vom Assistenten von Jürgen Klinsmann zum Nationaltrainer aufgestiegen und führte das Team 2014 zum Weltmeistertitel. Im Sommer 2021 endete nach 15 Jahren seine Ära beim Deutschen Fußball-Bund. Seine aktuellen Aussagen zeigen, dass er sich weiterhin intensiv mit der Entwicklung des Fußballs beschäftigt und klare Vorstellungen von den Anforderungen an moderne Spitzenspieler hat.



