Lothar Matthäus wird 65: Eine Fußballlegende im Unruhestand
Er war einer der herausragendsten deutschen Fußballer aller Zeiten und feierte zahllose Triumphe auf dem grünen Rasen. Heutzutage überzeugt er als scharfsinniger TV-Experte. An diesem Tag begeht Lothar Matthäus seinen 65. Geburtstag und blickt auf ein bewegtes Leben zwischen Stadion und Studio zurück.
Vom Spielfeld ins Fernsehstudio
Mit 65 Jahren begann früher der Ruhestand, doch für Matthäus ist Stillstand ein Fremdwort. Selbst dreieinhalb Jahrzehnte nach seinem Karriereende findet man ihn nicht in Rubriken wie „Was macht eigentlich...?“. Stattdessen ist er präsenter denn je, wenn irgendwo ein bedeutendes Fußballspiel angepfiffen wird. Kein TV-Sender möchte auf seine Expertise verzichten, sei es am Bundesliga-Samstag oder bei internationalen Begegnungen in der Europa League.
Als Experte und Co-Kommentator spricht er nach wie vor Klartext und genießt höchste Glaubwürdigkeit. Nur Lionel Messi hat mehr WM-Spiele bestritten, und kein Deutscher absolvierte mehr Länderspiele. Neben seiner TV-Tätigkeit verfasst er Kolumnen, gibt Interviews und spielt im aktuellen Dokumentarfilm „Ein Sommer in Italien – WM 1990“ eine zentrale Rolle. Der Medien-Doppelpass gehört weiterhin zu seinen stärksten Spielzügen.
Eine sagenhafte Karriere im Rückblick
Lothar Matthäus schaut auf 150 Länderspiele zurück und regiert seit 1993 als deutscher Rekordnationalspieler. Seine Profikarriere startete 1979 bei Borussia Mönchengladbach, wo er beim Probetraining sogar Weltmeister Berti Vogts zu Fall brachte. Trainer Jupp Heynckes erinnert sich lachend: „Gleich beim ersten Training hat er die Arrivierten so auf die Socken gehauen, dass die gar nicht mehr wussten, was Sache war.“
Seine Stationen lesen sich wie ein Who's who des Fußballs: Borussia Mönchengladbach, zweimal FC Bayern, Inter Mailand und New York Metro Stars. 19 Vereinstitel gewann er, darunter zweimal den UEFA-Cup und sieben deutsche Meisterschaften. In 464 Bundesligaspielen wurde er nur dreimal eingewechselt – das erste Mal mit 18, das letzte Mal mit 38 Jahren.
Der Weg zum Weltmeister und Rekordhalter
1984 wechselte Matthäus zu Bayern München, wo er endlich Titel sammelte: Meister 1985, 1986, 1987 und Pokalsieger 1986. Bereits mit 19 Jahren wurde er Europameister, obwohl Bundestrainer Jupp Derwall ihn 1980 ohne Länderspielerfahrung mit nach Italien nahm. Sein Debüt gegen Holland verlief turbulent – er verschuldete einen Elfmeter, doch man verzieh ihm das Foul außerhalb des Strafraums.
Unter Franz Beckenbauer wurde er 1990 Weltmeister und spielte das Turnier seines Lebens. Sein Tor zum 3:1 gegen Jugoslawien nach einem Sprint über das halbe Feld wurde zum Tor des Jahres gewählt. Als dritter DFB-Kapitän durfte er den Weltpokal in den Himmel strecken – ein unvergesslicher Moment. 1990 gewann er alle prestigeträchtigen Auszeichnungen: Bester Fußballer Deutschlands, Europas und der Welt.
Höhen und Tiefen einer Jahrhundertkarriere
In seiner Mailänder Zeit (1988-92) entwickelte sich Matthäus zum nahezu kompletten Fußballer. Trainer Giovanni Trapattoni trieb ihn an, auch den linken Fuß zu trainieren – was ihm das erste WM-Tor 1990 gegen Jugoslawien ermöglichte. Doch nicht alles verlief glatt: Seine offene Art kostete ihn Sympathien im Kollegenkreis und ein gutes Dutzend Länderspiele.
Mit Bayern-Manager Uli Hoeneß verkrachte er sich vor 25 Jahren, versöhnte sich aber später wieder. Sein Wunsch, als Trainer in der Bundesliga zu arbeiten, blieb unerfüllt. „Man will immer nur das sehen, was man sehen will. Und bei mir will man immer nur das Schlechte sehen“, sagte er 2009 der FAZ.
Ein bewegendes Lebenswerk
Was ihn im Rückblick schmerzt? Dass sein Nationalmannschaftskarriere 2000 mit einer 0:3-Niederlage gegen Portugal endete. „Dieses Jubiläumsspiel würde ich am liebsten aus meiner Karriere streichen“, gestand er. Dennoch bleibt seine Bilanz beeindruckend: 150 Länderspiele trotz verpasster Europameisterschaften 1992 und 1995 wegen schwerer Verletzungen.
Der Fußballer Matthäus war Weltklasse, der Mensch schillernd und polarisierend: fünf Ehen, fünf Scheidungen, vier Kinder. Deutschland ist stolz auf diese runde Karriere seines Ehrenspielführers. Und so mancher Zuschauer fühlt mit ihm, wenn er im Kinofilm wegen seines verstorbenen Freundes Andy Brehme und Mentors Franz Beckenbauer den Tränen nahe ist. Mit 65 Jahren ist Lothar Matthäus noch lange nicht fertig – weder mit dem Fußball noch mit dem Leben.



