Ein seltener Vorgang mit brisanter Vorgeschichte im Bremer Weserstadion
Vor dem Bundesliga-Spiel gegen den 1. FC Heidenheim ist es im Bremer Weserstadion zu einer außergewöhnlichen und sehr seltenen Szene gekommen. Wenige Minuten vor dem Anpfiff ergriff der Capo der Ultra-Gruppierung „Infamous Youth“ das Stadionmikrofon und richtete eine vierminütige emotionale Rede an sämtliche Zuschauer im gesamten Stadion.
Appell zur Einheit und Kontrolle nach vorangegangener Enttäuschung
„Jede Wut und Fassungslosigkeit, die wir haben, die ist berechtigt - keine Frage. Aber es war wichtig, Kontrolle hereinzubringen und Ruhe, denn es bringt uns gar nichts, wenn wir uns jetzt selbst zerfleischen, wenn wir auf die Mannschaft, die eh schon verunsichert ist, weiter eindreschen“, rief der Werder-Capo mit Nachdruck in die Menge. Mit deutlichen Worten appellierte er weiter: „Wir dürfen jetzt die Mannschaft nicht auspfeifen.“
Dass sich ein Vertreter der Ultras vor einem Spiel an das gesamte Stadion wendet, hat absoluten Seltenheitscharakter und unterstreicht die nicht zu unterschätzende Machtposition dieser Fangruppierung innerhalb des Vereins. Während der Rede waren vereinzelte Pfiffe der Werder-Fans zu vernehmen, die sich jedoch offensichtlich nicht gegen den Capo, sondern gegen die anfeuernden Gäste-Fans aus Heidenheim richteten.
Brisante Vorgeschichte: Niederlage gegen St. Pauli und weggeschickte Spieler
Die außergewöhnliche Ansprache im Weserstadion hat eine höchst brisante Vorgeschichte. Nach der bitteren Niederlage im vergangenen Auswärtsspiel beim FC St. Pauli mit 1:2 waren die Werder-Spieler nach Abpfiff zur eigenen Fankurve gegangen und wurden von den enttäuschten Anhängern demonstrativ weggeschickt.
„Wir haben sie letzte Woche weggeschickt, weil die Reaktionen nicht schön gewesen wären“, erklärte der Capo offen ins Mikrofon. Doch er betonte versöhnlich: „Wir haben uns unter der Woche getroffen und uns darauf geeinigt, dass wir und die Spieler alles für den Klassenerhalt geben. Es gibt keinen Riss zwischen den Fans und der Mannschaft.“
Reaktionen und Auswirkungen der emotionalen Stadionansprache
Auf die Rufe der Heidenheimer Fans reagierte der Werder-Capo gelassen mit den Worten: „Sch*** drauf, lass die singen.“ Auch Heidenheims Präsident Holger Sanwald wollte den ungewöhnlichen Zwischenfall nicht überbewerten und zeigte sich in der Halbzeitpause am Sky-Mikrofon unbeeindruckt: „Wir haben schon damit gerechnet“, sagte Sanwald und betonte, dass diese Szenen die eigene Mannschaft jedenfalls nicht negativ beeinflusst hätten.
Die versöhnliche Botschaft zeigte schließlich auch Wirkung. Nachdem die Werderaner zuvor bereits zahlreiche Riesenchancen vergeben hatten, war die kollektive Erlösung im Stadion nach dem 1:0-Führungstreffer von Jovan Milosevic in der 57. Minute deutlich spürbar. Die Zuschauer bejubelten den wichtigen Treffer frenetisch und demonstrierten damit die gewünschte Geschlossenheit zwischen Mannschaft und Fans.



