Wildmoser junior erinnert sich: "Lorant war beleidigt und hat sich in der AZ dann revanchiert"
Zusammen mit Karl-Heinz Wildmoser führte Werner Lorant, dessen Todestag sich am 20. April 2026 zum ersten Mal jährt, den TSV 1860 München trotz aller Streitigkeiten in ungeahnte sportliche Sphären. "Der Werner war ein Geschenk Gottes", erinnert sich Wildmoser-Sohn Karl-Heinz Junior im Gespräch mit der AZ.
Beleidigte Leberwürste: Beckenbauer verließ die Sendung
Im Oktober 2009 hatte der Kaiser genug gesehen und gehört. Franz Beckenbauer war Gast in der 1500. Jubiläumssendung von "Blickpunkt Sport", doch angesichts des ihm dargebotenen Schauspiels verhagelte es ihm die Feierstimmung ganz gehörig. So verließ er die Sendung etwas vorzeitig und raunte entgeistert: "Die zwei führen sich auf wie beleidigte Leberwürscht." Dann entschwand der Franz in die kalte Herbstnacht von Freimann.
Die zwei Leberwürste waren der aus der Schweiz zugeschaltete Werner Lorant und Karl-Heinz Wildmoser im Studio. Die beiden beschimpften sich und überzogen sich mit Vorwürfen. Acht Jahre, nachdem Wildmoser Lorant bei den Löwen vor die Tür gesetzt hatte, herrschte noch immer Verbitterung und frostige Eiszeit.
Unzertrennlich wie Pech und Schwefel
Dabei wirkten sie lange unzertrennlich, als Inkarnation von Pech und Schwefel, zwischen die beiden passte kein Schnurrbarthaar. Lorant und Wildmoser, der Maurersohn aus Westfalen, der Schusterbub aus Pasing. Ähnlich waren sie auch in ihren phänomenalen zwischenmenschlichen Umgangsformen.
Es war nach einem Auswärtsspiel im Parkstadion von Schalke, vor dem Heimflug am Düsseldorfer Flughafen saß Lorant an einer Bar bei einem Pils, neben ihm paffte Wildmoser eine dicke Havanna. Als der Autor als damals noch junger AZ-Sportreporter die vermeintlich günstige Gelegenheit nutzen wollte, um sich den beiden in entspannter Atmosphäre erstmals persönlich vorzustellen, knurrte Lorant nur: "Hä? Mir doch egal." Und Wildmoser blies dem Journalisten den Zigarrenqualm ins Gesicht. Hüstl. Damit war der Ton für die nächsten Jahre gesetzt.
Historischer Durchmarsch unter starken Persönlichkeiten
Unter dem selbstbewussten Alpha-Doppel Wildmoser und Lorant ging es schnell nach oben, der historische Durchmarsch von der dritten in die erste Liga, längst deutsche Fußballgeschichte. Natürlich ging es zwischen den beiden nicht immer eitel sonnig und harmonisch zu.
"Mein Vater und der Werner waren zwei starke Persönlichkeiten und Sturschädel", sagt Wildmoser junior, "und es hat auch oft deutliche Meinungsverschiedenheiten gegeben. Dann hat mein Vater mal wieder einem Journalisten von der Abendzeitung was erzählt, was der dann auch schrieb, dann war der Werner beleidigt und hat sich in der AZ dann revanchiert."
Zuständigkeitsbereiche und sportliche Kompetenz
Gut ging es, wenn sich jeder der beiden um seinen eigenen Zuständigkeitsbereich kümmerte. Wildmoser ums Geschäftliche wie auch um die bilderbuchbarocke Außendarstellung, Lorant ums Sportliche. Dass Lorant seinem Präsidenten wenig sportliche Kompetenz attestierte, das wird aus einer Anekdote deutlich, die Bernhard Winkler einmal erzählte.
Lorant wollte den gebürtigen Würzburger nach dem Zweitliga-Aufstieg 1993 unbedingt von Kaiserslautern nach Giesing holen. Als die beiden zusammen nach Hinterbrühl fuhren, empfing Wildmoser den Stürmer mit der kernigen Herzlichkeit eines Wiesnwirts: "Aus Würzburg bist du? Des sog i dir glei, die Franken mog i überhaupts ned." Und weiter: "Nur dass du's woaßt, du bist bloß da, weil der... di hamm woit. I hätt di ned ghoit."
Winkler wähnte sich nach eigenen Worten und völlig zurecht in einem Irrenhaus, er stand auf, ging und wollte zurück nach Lautern. Doch Lorant rannte ihm hinterher, erwischte ihn am Parkplatz und sagte: "Der Alte hat doch keine Ahnung, ich entscheide, wer geholt wird, nicht er." Winkler unterschrieb, dann schoss er die Löwen in die Bundesliga.
Champions-League-Träume und das Ende einer Ära
An einem malerischen Sommerabend im August 2000 erlebten sie das größte Spiel jener Ära, die Champions-League-Qualifikation, Sechzig gegen Leeds. Wildmoser, der Alte, saß oben auf der Tribüne, mit ihm im Rund des Olympiastadions 56.000 Menschen. Der Präsident heulte Rotz und Wasser, es war, als hätte er sein Lebenswerk vollendet.
Ein Lokalderby im Oktober 2001 beendete dann auch Lorants Zeit in München, das 1:5 gegen die Roten. "Werner", sagte Wildmoser bei einer nur dreiminütigen Unterredung an der Geschäftsstelle, "das funktioniert nicht mehr, das merkst du doch auch." Und Lorant erwiderte: "Ja, so ist leider unser Job."
Väter des Erfolgs und bleibendes Erbe
Und doch wäre die Geschichte der Löwen ohne das Duo eine andere geworden, davon ist Heinz Wildmoser überzeugt. "Sie waren die ganz klaren Väter des Erfolgs", sagt er. "Der Werner war sogar ein Geschenk Gottes."
Zur Versöhnung mit Wildmoser kam es nie mehr. Als Wildmoser 2010 starb, kam Lorant auch zur Trauerfeier auf den Waldfriedhof. Mittlerweile sind sie beide gegangen. Vielleicht streiten sie jetzt im blauen Himmel weiter. Oder sie denken an die guten alten Zeiten beim Löwen – und geben jetzt einfach auch mal a Ruh. Der Franz wird's ihnen danken.



