Als die WM 2006 zum Debakel zu werden drohte: Klinsmanns Tiefpunkt in Florenz
Jürgen Klinsmann musste vor der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land eine Flut berechtigter Kritik aushalten. Am Ende wollte ihn dann doch niemand mehr gehen lassen. Die deutsche Fan-Seele hatte sich zwar an Enttäuschungen nach Länderspielen gegen Italien gewöhnt, doch eine Testspielniederlage heute vor 20 Jahren löste einen Tsunami der Entrüstung aus. Für den Bundestrainer markierte dieses Spiel den absoluten Tiefpunkt seiner nur zweijährigen Amtszeit.
Die Vorgeschichte: Unruhe und Experimente
Vor der WM im eigenen Land musste Gastgeber Deutschland keine Qualifikationsspiele bestreiten. Klinsmann, der nach der enttäuschenden EM 2004 das Amt übernommen hatte, nahm den Begriff Testspiel sehr wörtlich. Nur vier Monate vor dem Turnier, das später als „Sommermärchen“ in die Geschichte eingehen sollte, fehlte eine eingespielte Mannschaft – eine Kritik, die nicht nur Bayern-Manager Uli Hoeneß äußerte.
Im ersten Test des Jahres am 1. März 2006 in Florenz setzte Klinsmann auf die Innenverteidiger Per Mertesacker von Werder Bremen und Robert Huth von Chelsea, die weder ausreichende Spielpraxis noch beste Form vorweisen konnten. Gleichzeitig sortierte er den erfahrenen Christian Wörns erneut aus, was dieser in einem emotionalen Interview kommentierte: „Es geht nicht nach Leistung. Dann sollte man mir offen sagen, dass es weiterhin nicht nach Leistung geht, sondern dass jemandem meine Nase nicht passt.“
Weitere Konfliktherde türmten sich auf: In der Torwartfrage hatte sich Klinsmann noch immer nicht festgelegt. In Florenz spielte Jens Lehmann, während Erzrivale Oliver Kahn daheim bleiben musste. Kurz vor dem Spiel soll sich der Bundestrainer mit Sportdirektor Matthias Sammer ausgesprochen haben – die Beseitigung der Differenzen dauerte angeblich genau so lange wie ein Fußballspiel. Der Reformer scheute keine Tabus und ließ die Mannschaft erneut im nicht-traditionellen roten Dress antreten.
Das Desaster von Florenz
Was dann folgte, ließ alle Anhänger der deutschen Mannschaft erblassen. Bereits nach sieben Minuten lag das Team mit 0:2 zurück. Sowohl beim 0:1 durch Alberto Gilardino in der 4. Minute als auch beim 0:2 von Luca Toni in der 7. Minute fand die überforderte Abwehr keinerlei Mittel, die Angriffe zu stoppen. Die vom eigenen Blitzstart überraschten Gastgeber – übrigens der kommende Weltmeister – zogen sich zwar etwas zurück, doch „die Deutschen wussten damit wenig anzufangen“, wie der kicker später bemängelte.
Noch vor der Halbzeitpause war das Spiel entschieden: Ein langer Ball hebelte die Viererkette erneut aus und Daniele De Rossi köpfte zum 3:0 ein (39.). Klinsmann erlöste in der Pause Mertesacker und brachte Christoph Metzelder, während auch Lukas Podolski (kicker-Note: 6) in der Kabine bleiben musste. Die Einwechslungen von Gerald Asamoah und später Bastian Schweinsteiger sowie Tim Borowski bewirkten eine leichte Besserung – die zweite Halbzeit wurde immerhin nicht verloren.
Nach Alessandro Del Pieros Kopfballtor in der 57. Minute waren die Italiener so freundlich, Robert Huth sein erstes Länderspieltor zu gönnen (82.). Doch weitaus wichtiger war, was im Anschluss an das Spiel geschah.
Die Reaktionen: Panik in Deutschland
Klinsmann stellte sich pflichtschuldig den Medien und gestand: „Wir sind alle sehr enttäuscht. Das war eine Lektion für uns und das ist frustrierend. Wir haben richtig einen auf die Mütze bekommen.“ Grundsätzliche Zweifel hegte er jedoch nicht: „Das Team ist stark genug, etwas bei der WM zu bewegen. Wir glauben an die Mannschaft.“
Damit stand er in der ersten Aufregung ziemlich allein da. Kapitän Michael Ballack sagte: „Vier Stück sind richtig bitter. Da hat man keine Argumente. Die Mannschaft war nach dem frühen Rückstand verunsichert. Wir sind dann nur noch hinterhergelaufen.“ ARD-Kommentator Reinhold Beckmann prophezeite unmittelbar nach Abpfiff: „Es wird jetzt Kritik hageln – und die ist auch berechtigt.“
Die Schlagzeilen am nächsten Tag bestätigten diese Vorhersage: „Mamma mia sind wir schlecht“ (Bild), „Totalschaden in Florenz“ (Süddeutsche Zeitung), „Die Schande von Florenz“ (Stern) und „Desaster“ (kicker). Focus-Chefredakteur Helmut Markwort kommentierte scharf: „Die besten Fußballspieler des Landes werden einem Träumer überlassen, der mehr Guru ist als Stratege.“
Der kicker entwarf in seiner nächsten Ausgabe mit Expertenhilfe einen „Notplan WM“ und druckte eine Leserumfrage ab. Während im Mai 2005 noch etwa 50 Prozent der Teilnehmer auf Deutschland als Weltmeister setzten, waren es am Tag vor dem Italien-Spiel nur noch 30,5 Prozent und danach lediglich 20,4 Prozent. Klinsmanns Arbeit wurde mit der Durchschnittsnote 3,21 bewertet – ein Jahr zuvor hatte er noch eine glatte Zwei erhalten.
Politische und persönliche Konflikte
Die Öffentlichkeit hatte viele Fragen an Klinsmann, doch dieser flog zusammen mit seiner Mutter bereits am nächsten Tag in seine Wahlheimat Kalifornien – was sein Arbeitsvertrag erlaubte. Erst Tage später antwortete er per E-Mail zumindest der Bild-Zeitung.
Neue Konflikte taten sich auf: Am 4. März titelte die Bild „Klinsi vor den Bundestag?“ und zitierte Politiker aus CDU, SPD und FDP, die Erklärungen forderten. CDU-Sportexperte Norbert Barthle sagte: „Es wäre schön, wenn Herr Klinsmann mal dem Sportausschuss erklären würde, was seine Konzeption ist und wie er Weltmeister werden will.“
Zudem tobte „Kaiser“ Franz Beckenbauer, weil Klinsmann fünf Tage nach dem Desaster von Florenz nicht zum FIFA-Workshop in Düsseldorf erschien, auf dem alle anderen 31 Teilnehmertrainer anwesend waren. Beckenbauer kritisierte öffentlich: „Der Bundestrainer des Gastgeberlandes hätte da sein müssen, das ist überhaupt keine Frage … Wenn das die Auffassung von seinem Beruf ist, dann muss er auch mit der Kritik leben.“
Das unerwartete Happy End
Im März 2006 sah es wahrlich nicht nach einem Sommermärchen aus. Doch bekanntlich kam alles anders: Deutschland erreichte bei der WM 2006 den dritten Platz und scheiterte erst in den letzten Minuten der Verlängerung des Halbfinales – erneut an Italien. Mit elf Spielern, die schon in Florenz dabei gewesen waren.
Nach dem Turnier lag das Land Klinsmann zu Füßen und alle wollten, dass er bleibt. Doch der Bundestrainer sah seine Amtszeit nur als WM-Projekt an und kehrte nach Kalifornien zurück. Vor dem Bundestag erschien er übrigens nie. Die anfängliche Kritik war verflogen, das Sommermärchen hatte begonnen – und Klinsmann ging als einer der prägendsten Bundestrainer in die deutsche Fußballgeschichte ein.



