Deutscher Handball in tiefer Trauer: Klaus Zöll im Alter von 81 Jahren verstorben
Der deutsche Handball befindet sich in tiefer Trauer um eine seiner bedeutendsten Persönlichkeiten. Klaus Zöll, der erfolgreichste Trainer in der Vereinsgeschichte des TV Großwallstadt und maßgeblicher Architekt des legendären WM-Wunders von 1978, ist am Samstag in seiner Wahlheimat Sardinien im Alter von 81 Jahren verstorben. Mit seinem Tod verliert die Handballgemeinschaft einen Mann, der den Sport über Jahrzehnte hinweg entscheidend geprägt hat.
Eine Vereinslegende nimmt Abschied
Der TV Großwallstadt nahm „mit großer Trauer“ Abschied von seinem ehemaligen Erfolgstrainer, den er als eine „der bedeutendsten Persönlichkeiten der gesamten TVG-Geschichte“ bezeichnete. Klaus Zöll, geboren am 1. Mai 1944 im mittelhessischen Gönnern, begann seine aktive Karriere zunächst beim SV 1946 Crumstadt, bevor er später zu Großwallstadt wechselte. Mit diesem Verein erreichte er 1967 auf dem Großfeld die Vizemeisterschaft und schaffte ein Jahr später den Aufstieg in die Hallenhandball-Bundesliga.
Im Jahr 1976 übernahm Zöll das Amt des Cheftrainers beim TV Großwallstadt und läutete damit die goldene Ära des Klubs ein. Unter seiner Führung entwickelte sich der Verein aus dem beschaulichen Unterfranken zu einer absoluten Spitzenmannschaft im deutschen Handball und zu einem der besten Teams auf europäischer Ebene.
Vom Dorfverein zur europäischen Spitze
Mit Klaus Zöll als Trainer gewann der TV Großwallstadt in den Jahren 1978, 1979 und 1981 die Deutsche Meisterschaft. Den absoluten Höhepunkt bildete der Triumph im Europapokal der Landesmeister – dem heutigen EHF Champions League – im Jahr 1979, als man im deutsch-deutschen Finale gegen den SC Empor Rostock siegreich blieb.
Nach diesem bedeutenden Erfolg gab Zöll seinen Trainerposten beim TVG zunächst auf, kehrte jedoch nach einer Saison an die Seitenlinie zurück und führte den Klub erneut zum Meistertitel. Im Jahr 1983 zog er sich ein zweites Mal zurück, bevor er im März 1985 noch einmal interimsmäßig als Coach einsprang.
In der Vereinschronik des Deutschen Handballbundes heißt es über Zölls besonderes Wirken: „In seiner Person verbindet Zöll die beiden Komponenten, die den Dorfverein an die europäische Spitze bringen – Bodenständigkeit und sportliche Fachkompetenz.“
Weitsichtiger Macher mit nachhaltigem Erfolg
Der TV Großwallstadt beschreibt Klaus Zöll in seinem Nachruf als einen weitsichtigen Macher, der „der Konkurrenz stets einen Schritt voraus“ gewesen sei. Mit seinem ausgeprägten Gespür für Entwicklungen im Leistungssport, seiner akribischen Arbeitsweise und seinem ständigen Anspruch, besser zu sein als andere, schuf er entscheidende Wettbewerbsvorteile für seinen Verein.
Zöll setzte statt der damals vielerorts üblichen drei Trainingseinheiten pro Woche zusätzliche Einheiten an und legte damit den Grundstein für nachhaltigen Erfolg. Seine Arbeit spiegelte sich auch eindrucksvoll in der erfolgreichen Weiterentwicklung seiner Spieler wider:
- Torhüter Manfred Hofmann
- Kreisläufer Claus Hormel
- Rückraumspieler Manfred Freisler
- Linkshänder Kurt Klühspies
Diese Spieler reiften unter seiner Führung zur Weltklasse und prägten später auch maßgeblich die deutsche Nationalmannschaft.
Architekt des historischen WM-Wunders
Unvergessen bleibt die Sensation bei der Weltmeisterschaft 1978 in Dänemark, als die DHB-Auswahl unter Bundestrainer Vlado Stenzel im Finale mit 20:19 gegen die als unschlagbar geltende Sowjetunion triumphierte. Klaus Zöll spielte in dieser Erfolgsgeschichte eine zentrale Rolle, da er während des gesamten Turniers zum Betreuerstab des Deutschen Handballbundes gehörte.
Sein Wirken in Großwallstadt hatte unmittelbaren Einfluss auf das WM-Team, da mehrere von ihm geformte Akteure kurz darauf als Weltmeister gefeiert wurden. In späteren Jahren brachte Zöll seine Expertise ebenfalls in den Verband ein: Von 1989 bis 1991 war er ehrenamtlicher Vizepräsident des DHB und begleitete in dieser Funktion aktiv den Vereinigungsprozess mit dem Handballverband der DDR, der am 8. Dezember 1990 aufgelöst wurde.
Breites Wirken über den Sport hinaus
Klaus Zölls berufliche Laufbahn unterstreicht die Vielfalt seines Wirkens: Nach einem abgeschlossenen Lehramtsstudium arbeitete er zunächst für den Deutschen Sportbund als hauptamtlicher Koordinator für Spielsportarten und Radsport. Nach dem Olympia-Boykott 1980 wechselte er zu Adidas nach Herzogenaurach und war später geschäftsführender Gesellschafter der Handball Marketing Gesellschaft.
Auch menschlich setzte Zöll Maßstäbe: Nach dem tragischen Unfall von Joachim Deckarm im Jahr 1979 engagierte er sich als Gründer und Mitglied des Deckarm-Ausschusses, der sich auch um die finanzielle Absicherung des WM-Helden von 1978 kümmerte.
Würdigungen aus dem Handballumfeld
DHB-Präsident Andreas Michelmann erklärte in einer Verbandsmitteilung: „Die Nachricht erfüllt uns mit Trauer. Wir sind Klaus Zöll dankbar für all das, was er mit seinem langjährigen und vielfältigen Engagement für den deutschen Handball geleistet hat. Unsere Gedanken sind in dieser schweren Zeit bei seiner Familie.“
Klaus Zöll hinterlässt seine Ehefrau Kerstin, fünf Töchter und acht Enkel. Der TV Großwallstadt schreibt in seinem Nachruf: „Sein Wirken wird unvergessen bleiben.“ Treffender lässt sich sein Vermächtnis kaum zusammenfassen, denn mit Klaus Zöll verliert der deutsche Handball einen Mann, der zuvor undenkbare Erfolge möglich machte und Strukturen prägte – weit über seinen Verein hinaus.



