Deutscher Boykott der Paralympics-Eröffnungsfeier in Verona
In einer deutlichen Protestaktion wird das deutsche Team bei der Eröffnungsfeier der Paralympics in Verona nicht am traditionellen Einmarsch der Nationen teilnehmen. Der Deutsche Behindertensportverband (DBS) hat diesen Schritt als Reaktion auf die umstrittene Zulassung von Sportlern aus Russland und Belarus angekündigt. Diese Entscheidung markiert eine Kehrtwende in der Haltung des Verbandes, der zuvor einen kompletten Boykott noch abgelehnt hatte.
Protest gegen IPC-Entscheidung
Der DBS kritisiert scharf die Vergabe von Wildcards durch das Internationale Paralympische Komitee (IPC) an sechs russische und vier belarussische Athleten, die nun unter eigener Flagge antreten dürfen. "Die Entscheidung des IPC fordert die Paralympische Bewegung in besonderem Maße heraus", heißt es in einer offiziellen Pressemitteilung. Der Verband betont, dass weder der Beschluss der IPC-Generalversammlung vom September 2025 noch das Urteil des Internationalen Sportgerichtshofs (CAS) eine Verpflichtung zur Vergabe von Startplätzen an diese Nationen enthielten.
Die deutsche Mannschaft wird keine Sportler oder Offizielle ins Amphitheater von Verona entsenden. Diese Maßnahme diene sowohl der Konzentration auf die bevorstehenden Wettkämpfe als auch dem Anliegen, die solidarische Haltung gegenüber der ukrainischen Delegation respektvoll zum Ausdruck zu bringen, so der DBS. Dennoch handelt es sich nicht um einen vollständigen Boykott der Eröffnungszeremonie: An den im Vorfeld aufgezeichneten Aufnahmen, die während der Feier eingeblendet werden, nimmt das Team Deutschland Paralympics wie geplant teil.
Wertebasierte Position und sportliche Fokussierung
Mit dieser Entscheidung verbindet der deutsche Verband "sportliche Fokussierung mit einer eindeutig wertebasierten Position". Die Perspektive der Athletinnen und Athleten habe höchste Priorität, und ihre Einschätzungen sowie ihre Verantwortung gegenüber dem sportlichen Wettbewerb und den Werten der Paralympischen Bewegung seien umfassend in die Entscheidungsfindung einbezogen worden. "Gerade in herausfordernden Zeiten bleibt es unsere gemeinsame Aufgabe, die Paralympischen Werte sichtbar zu leben und die Integrität des Sports entschlossen zu schützen", betonte der DBS.
Der Verbandspräsident Hans-Jörg Michels hatte zuvor noch einen Boykott abgelehnt und gegenüber dem SID erklärt, er halte davon "nichts", da dies in der Vergangenheit dem Sport nicht genutzt habe. Die nun erfolgte Kehrtwende unterstreicht die gewachsene Spannung innerhalb der paralympischen Gemeinschaft.
Internationale Solidarität
Deutschland schließt sich mit seinem Boykott einer Reihe anderer Nationen an, die bereits ähnliche Schritte angekündigt haben. Neben der Ukraine haben Estland, Finnland, Lettland, Litauen, Polen, die Niederlande und Tschechien ihren Protest gegen die Teilnahme russischer und belarussischer Sportler durch einen Boykott der Eröffnungsfeier bekundet. Diese internationale Solidarität verdeutlicht die tiefen Gräben, die der Krieg in der Ukraine auch im paralympischen Sport hinterlassen hat.
Der DBS betont abschließend die Bedeutung der Paralympischen Idee: "Angesichts der aktuellen Entwicklungen ist es umso wichtiger, den Kern der Paralympischen Idee zu bewahren: faire Wettkämpfe in einem friedlichen Umfeld, in dem Athletinnen und Athleten aus aller Welt ihre Leistungen und persönlichen Geschichten präsentieren können." Die Eröffnungsfeier in Verona wird somit ohne den Einmarsch der deutschen Delegation stattfinden, während die Wettkämpfe selbst planmäßig begonnen haben.



