Olympiasieger Fischer legt deutsches Biathlon-Problem schonungslos offen
Die olympischen Biathlon-Wettkämpfe entwickelten sich für den Deutschen Skiverband (DSV) zu einem sportlichen Debakel. Entsprechend deutlich fällt die Kritik im Nachgang aus. Der ehemalige Olympiasieger Sven Fischer hat angesichts der enttäuschenden Ergebnisse der deutschen Biathleten bei den Olympischen Spielen deutliche Worte gefunden.
Fehlende Medaillen und enttäuschte Erwartungen
„Einerseits ist die Konkurrenz deutlich größer als in der Vergangenheit. Andererseits hätte in der Vorbereitung auf die Spiele das eine oder andere besser laufen können“, erklärte Fischer gegenüber der WAZ, als er nach Gründen für die fehlenden Medaillen gefragt wurde. Der DSV nimmt von den Olympischen Spielen lediglich eine Bronzemedaille in der Mixed-Staffel mit. Sowohl die Fans als auch der Verband hatten sich deutlich mehr erhofft.
Fischer bemängelte insbesondere die Trainingssteuerung im Saisonverlauf: „Nicht jeder war zum Saisonhöhepunkt in Topform.“ Da Deutschland im Weltcup derzeit nicht zu den dominierenden Nationen gehöre, habe er von Anfang an keine allzu hohen Erwartungen gehabt. „Im Prinzip bestätigten sich bei den Olympischen Spielen nur die Ergebnisse vom Weltcup: Gute Leistungen ja, Podium nur selten“, fasste er die Ergebnisse zusammen.
Deutschland hinkt hinterher – Frankreich setzt Maßstäbe
Während Deutschland hinterherläuft, setzen andere Nationen wie Frankreich neue Maßstäbe. Fischer nannte konkrete Gründe für deren starkes Abschneiden: „Frankreich hat keineswegs mehr Nachwuchs als wir. Doch sie sind effektiver, was die Qualität anbelangt. Ihnen gelingt der Übergang vom Junioren- in den Seniorenbereich viel besser.“
Dass Deutschland auf dem Papier locker mithalten könnte, macht das historisch schlechte Abschneiden nur noch ärgerlicher. „Bei uns gibt es auch viele Junioren-Weltmeister, viele gute junge Athleten. Stellt sich nur die Frage: Warum kommen die nicht oben an?“ Für ihn zähle vor allem die Kombination aus Sportförderung und Konstanz.
„Fast schon stümperhafte“ Nachwuchsbehandlung
„Die Gesamtstruktur muss passen: von der Wertigkeit des Sports im Kindergarten und des Sportunterrichts in der Schule bis hin zur Nachwuchsförderung. Die muss konstant sein – nicht mal top und dann mal wieder gar nicht, sondern dauerhaft gut. Bei uns wird der Nachwuchs fast schon stümperhaft behandelt“, kritisierte Fischer deutlich.
Mit Blick auf die Zukunft ermahnte der 54-Jährige die Verantwortlichen zu mehr Ruhe und weniger Druck: „Erst an der Schwelle zum Weltcup darf es ein knallhartes Auswählen geben.“ Außerdem riet er dazu, den Nachwuchsbereich klar vom Spitzensport abzugrenzen, um so mehr Offenheit und neue Konzepte zu etablieren.
Fehlerkultur und Lücken im Team
„Das Schöne am Biathlon ist ja: Wir werden am Schießstand mit Fehlern groß. Und mit dieser Fehlerkultur müssen wir richtig umgehen“, betonte der mehrmalige Olympia-Medaillengewinner. Nach dem Rücktritt von Franziska Preuß entsteht vor allem im Frauenteam eine große Lücke. Wie gut der DSV diese Lücke mit jungen Athletinnen schließen kann, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.
Die deutschen Biathletinnen und Biathleten landeten in beiden Staffeln jeweils auf Platz vier. Auch in den Einzelrennen mussten sich Vanessa Voigt und Philipp Horn mit dem undankbaren vierten Platz zufriedengeben. Die Medaillenhoffnungen mit Franziska Preuß, Selina Grotian und Philipp Nawrath konnten über die zwei Wochen nur punktuell Akzente setzen.



