Vom Waisenhaus zum Olymp: Die unglaubliche Geschichte der Paralympics-Ikone Oksana Masters
Es ist einer der emotionalsten Momente der Paralympischen Winterspiele in Mailand und Cortina d'Ampezzo. Oksana Masters, mittlerweile 36 Jahre alt, steht im Zielbereich, das zehnte Gold ihrer außergewöhnlichen Karriere um den Hals. Ihr Gesicht strahlt vor Freude und Erfüllung - ein Kontrast zu ihrer extrem düsteren Kindheit, die von Entbehrungen, Misshandlungen und schweren gesundheitlichen Schicksalsschlägen geprägt war.
Geboren im Schatten der Atomkatastrophe
Oksana Masters kam 1989 in Chmelnyzkyj in der Ukraine zur Welt, nur wenige Autostunden von Tschernobyl entfernt. Drei Jahre zuvor hatte sich dort die verheerende Atomkatastrophe ereignet, deren Folgen die Region noch Jahrzehnte später prägten. "Wo ich herkam, gab es radioaktive Lecks", erklärte sie später in Interviews mit US-Medien. Die damaligen Sicherheitsvorkehrungen in ihrer Heimatregion waren unzureichend, was zu einem frühen Kontakt mit radioaktiver Strahlung führte.
Mediziner sehen in dieser Strahlenbelastung die Ursache für ihre schwere Hemimelie - eine seltene, angeborene Fehlbildung, bei der Teile der Extremitäten fehlen oder stark verkürzt sind. Bei Masters fehlten in beiden Beinen die tragenden Knochen, was ihre Mobilität von Geburt an massiv einschränkte.
Jahre des Leidens im ukrainischen Waisenhaus
Ihre leiblichen Eltern waren mit der schweren Behinderung des Mädchens überfordert und gaben Oksana in ein Waisenhaus ab. Dort begann eine Zeit des Leidens: Jahrelanger Hunger prägte ihren Alltag, da es nicht genügend Nahrung gab. Nach eigenen Aussagen erlebte sie in dieser Zeit schwere Misshandlungen, die ihre Kindheit zusätzlich belasteten.
Mit sieben Jahren änderte sich ihr Leben grundlegend, als ihre amerikanische Adoptivmutter Gay Masters sie in die Vereinigten Staaten holte. Zu diesem Zeitpunkt wies Oksana massives Untergewicht auf, ein Zeugnis der Entbehrungen ihrer frühen Jahre.
Doppelte Amputation und der Weg zum Sport
Auch in Amerika blieb ihr Lebensweg herausfordernd. Im Alter von neun Jahren musste ihr linkes Bein oberhalb des Knies amputiert werden, mit 14 Jahren folgte das rechte Bein. Zusätzlich unterzog sie sich mehrfachen Operationen an den Händen, um ihre Mobilität zu verbessern.
Im Teenageralter entdeckte Masters schließlich den Sport als Ventil und Antrieb. Mit 17 Jahren nahm sie erstmals an Ruder-Wettkämpfen teil und fand darin eine neue Lebensperspektive. Nur fünf Jahre später, bei den Paralympics 2012 in London, gewann sie ihre erste paralympische Medaille - Bronze im Rudern.
Wechsel zum Wintersport und historische Erfolge
Rückenprobleme zwangen sie später zum Wechsel in den Skisport, was sich als glückliche Wendung erweisen sollte. Seitdem schrieb Masters Sportgeschichte: Insgesamt 20 Paralympics-Medaillen in Sommer- und Wintersportarten sammelte sie im Laufe ihrer Karriere, darunter nun zehn Goldmedaillen.
Bei den jüngsten Paralympischen Winterspielen in Mailand und Cortina gewann sie erneut Gold und verpasste nur knapp eine weitere Medaille, als sie im Biathlon über 12,5 Kilometer den vierten Platz belegte. Neben ihren sportlichen Erfolgen sicherte sie sich millionenschwere Sponsorenverträge in den USA und wurde zu einer gefeierten Sportikone.
Sport als Weg zur Selbstbestimmung
"Der Sport wurde mein Ventil, mein Antrieb, mein Weg in ein selbstbestimmtes Leben", beschreibt Masters ihre Motivation. "Ich will es den Menschen beweisen", betont sie immer wieder - eine Aussage, die tief in ihren Erfahrungen von Überwindung und Widerstandsfähigkeit verwurzelt ist.
Auch ihre Adoptivmutter Gay Masters zeigte sich bei der Laureus-Awards-Verleihung 2020 in Berlin emotional bewegt: "Ich bin unglaublich stolz auf sie und dankbar, dass das, was sie erreicht hat, jetzt gewürdigt wird."
Die Geschichte von Oksana Masters ist mehr als nur eine Sportlerkarriere - sie ist ein beeindruckendes Zeugnis menschlicher Widerstandskraft, die selbst unter den schwierigsten Voraussetzungen Außergewöhnliches möglich macht.



