Olympische Winterspiele: Der schmale Grat zwischen Spektakel und Verletzungsrisiko
Die Bilder aus dem Snowpark von Livigno sorgten am Mittwochvormittag für Entsetzen. Nach einem schweren Sturz in der Halfpipe-Qualifikation lag die chinesische Snowboarderin Liu Jiayu regungslos im Schnee. Rettungskräfte eilten sofort herbei und kümmerten sich um die Silbermedaillengewinnerin von 2018. Glücklicherweise ergaben anschließende Untersuchungen keine schweren Verletzungen. Die 33-Jährige war bei Bewusstsein und teilte später in Sozialen Medien mit: „Danke euch allen für die Anteilnahme, eben sind die Untersuchungen im Krankenhaus zu Ende gegangen, es gibt keine Probleme, alles gut.“
Schocknachrichten und statistische Realitäten
Bereits am Dienstag hatte die Nachricht des australischen Snowboarders Cam Bolton für Bestürzung gesorgt. Er hatte sich bei einem Snowboardcross-Training einen doppelten Nackenbruch zugezogen. Auch er meldete sich aus dem Krankenhaus und teilte mit, dass es ihm den Umständen entsprechend gut gehe.
Beide Sportarten gehören zu den gefährlichsten bei den Olympischen Winterspielen in Italien. Während Athleten in der Halfpipe auf einer halbzylindrischen Piste Tricks ausführen und nach Vielfalt und Schwierigkeit bewertet werden, treten sie im Snowboardcross in direkten Rennen auf Strecken mit Sprüngen, Buckeln und weiten Kurven gegeneinander an.
Eine 2023 im „Orthopaedic journal of sports medicine“ veröffentlichte Studie, die Verletzungen bei Olympischen Winterspielen von 1995 bis 2021 untersuchte, zeigt alarmierende Zahlen:
- Snowboardcross: 31,4 % Verletzungsinzidenzrate
- Aerials im Freestyle-Skifahren: 28,6 %
- Slopestyle im Snowboarden: 27,7 %
In den meisten Fällen ist das Knie (20 %) betroffen, gefolgt vom Kopf (10,6 %) und dem Knöchel (8,2 %). Aktuelle Studien des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) nach den letzten vier Winterspielen bestätigen diese Risiken und nennen zusätzlich Ski Big Air (28,1 %) und Ski Halfpipe (27,6 %) als besonders verletzungsanfällige Disziplinen.
Historische Tragödien und aktuelle Gefahren
Die Geschichte des Extremsports ist von tragischen Unfällen geprägt. Die kanadische Freestyle-Skifahrerin Sarah Burke setzte sich vehement für die Aufnahme der Halfpipe ins olympische Programm ein – mit Erfolg. Die Disziplin debütierte 2014 in Sotschi, doch Burke erlebte dies nicht mehr. Sie war zwei Jahre zuvor bei einem Training gestürzt und infolge eines schweren Schädel-Hirn-Traumas verstorben.
Auch vor den aktuellen Spielen zeigten Verletzungen das hohe Risiko. Im Januar stürzten die amtierenden Halfpipe-Olympiasieger Chloe Kim und Ayumu Hirano bei einem Wettkampf im schweizerischen Laax. Hirano brach sich Nase und Becken, Kim zog sich einen Labrumriss zu. Beide treten trotzdem in Livigno an.
Wissenschaftliche Untersuchungen und sportliche Entwicklung
Das IOC untersucht seit 2008 systematisch Verletzungs- und Krankheitsraten bei Olympischen Spielen. Torbjorn Soligard, Hauptautor der IOC-Verletzungsstudie, berichtet von einem langfristigen Forschungsprogramm mit dem Internationalen Ski- und Snowboardverband (FIS). Dabei geht es um die Entwicklung sichererer Sprünge und Kursdesigns durch Analyse von Variablen wie Luftwiderstand, Körperhaltung und Schneezustand.
„In den Freestyle-Disziplinen entwickelt sich das Anforderungsprofil immer weiter, insofern, dass die Tricks immer spektakulärer werden“, erklärt der frühere Freestyle-Sportler Florian Preuss. Anpassungen seien fortwährend notwendig, oft verbunden mit steigenden Risiken.
Die Motivation der Athleten
Warum setzen sich Sportler trotz schwerer Verletzungen immer wieder diesen Gefahren aus? Der kanadische Snowboarder Mark McMorris, einer der besten in seinem Sport, sagte in einem Interview: „Wenn ein Sportler sich verletzt und die Chance bekommt, wieder fast 100 % fit zu werden und das zu tun, was er liebt, warum sollte er es dann nicht versuchen?“ McMorris war kurz vor der Big-Air-Qualifikation schwer gestürzt und musste kurz ins Krankenhaus, will aber beim Slopestyle-Wettbewerb antreten.
Die 19-jährige amerikanische Halfpipe-Fahrerin Bea Kim bringt es auf den Punkt: „Man betreibt einen Action-Sport oder einen Extremsport, das Risiko gehört einfach dazu.“ Auch Freestyle-Skifahrerin Eileen Gu, eine der größten Stars bei diesen Spielen, hält Verletzungen nicht vom Wettkampf ab. Sie hat sich Schlüsselbein und Schienbein gebrochen und erlitt eine Gehirnerschütterung, gewann aber bereits Silber im Slopestyle.
„Ein Teil dessen, was ich an diesem Sport liebe, ist das Risiko“, erklärt Gu. „Es geht darum, es zu überwinden, klug damit umzugehen und einen Weg zu finden. Wenn alle unsterblich wären und niemand etwas falsch machen könnte, würde dieser Sport keinen Spaß machen.“
Die Olympischen Winterspiele zeigen damit eindrücklich den schmalen Grat zwischen atemberaubendem Spektakel und ernsthaften Gesundheitsrisiken – ein Spannungsfeld, das Athleten bewusst in Kauf nehmen für ihre Leidenschaft.



