Paralympics in Italien: Team D startet zwischen politischen Spannungen und Medaillenhoffnungen
Die 14. Winter-Paralympics in Italien stehen unter besonderen Vorzeichen. Während die deutschen Athleten mit dem zweitgrößten Aufgebot in der Geschichte der Spiele antreten, überschatten politische Konflikte und ungewöhnliche Wetterbedingungen das sportliche Großereignis. Das deutsche Team hat dennoch ein klares Ziel vor Augen.
Ungewöhnlicher Start im Paralympischen Dorf
Im Paralympischen Dorf von Cortina d'Ampezzo sucht man vergeblich nach auffälligen deutschen Symbolen. Erst im hinteren Bereich des Areals markieren schwarz-rot-goldene Wimpelketten die Unterkünfte von Alpin-Ass Anna-Lena Forster und ihren Mitstreitern. „Das Dorf in Cortina ist schön. Es gefällt allen. Man fühlt sich wie auf dem Campingplatz. Wenn man die Mobile Homes verlässt, ist man direkt draußen“, berichtet das deutsche Team über die ungewöhnliche Unterbringung.
Eröffnungsfeier ohne Athleten-Einmarsch
Die Eröffnungsfeier im antiken Amphitheater von Verona wird historisch: Zum 50. Jubiläum der Winter-Paralympics marschiert keine Nation mit aktiven Sportlern ein. Stattdessen werden die Fahnenträger nur per Video auf einer Leinwand gezeigt, während Freiwillige die Nationalfahnen in die Arena tragen.
Das Internationale Paralympische Komitee (IPC) begründet diese Entscheidung mit logistischen Herausforderungen angesichts der langen Reisezeiten zwischen den Wettkampforten Mailand, Cortina, Tesero und Verona. Doch hinter den Kulissen spielen auch politische Proteste eine Rolle: Mehrere Länder, darunter Deutschland, hatten angekündigt, nicht am traditionellen Einmarsch teilzunehmen – als Zeichen gegen die Zulassung russischer und belarussischer Sportler unter eigener Flagge.
Der Deutsche Behindertensportverband (DBS) wird nur mit Repräsentanten in der Arena vertreten sein. Anna-Lena Forster, die vor vier Jahren in Peking noch als deutsche Fahnenträgerin einmarschierte, bedauert diese Entwicklung: „Für mich war das immer eine große Motivation, dort einzulaufen und die ganze Atmosphäre und Euphorie mit aufzusaugen“, sagte die viermalige Paralympicssiegerin.
Spiele im Schatten weltweiter Krisen
IPC-Präsident Andrew Parsons muss in Italien nicht nur mit der ungewöhnlichen Eröffnung umgehen, sondern erneut auch mit den weltweiten politischen Spannungen. Der seit vier Jahren andauernde Krieg in der Ukraine und neue Konflikte im Nahen und Mittleren Osten werfen ihre Schatten auf die Spiele.
„Wenn man Nachrichten liest und schaut, geht es ja um nichts anderes. Wirklich ärgerlich, dass eine neue Krise ausgebrochen ist und es irgendwie jedes Mal das Thema ist vor den Spielen und nicht der Sport im Vordergrund steht“, kommentierte die nordische Paralympicssiegerin Anja Wicker vor ihrer vierten Paralympics-Teilnahme. „Aber für mich ist der Fokus jetzt hier auf dem Sport, nachdem ich vier Jahre hart darauf hingearbeitet habe.“
Herausfordernde Bedingungen für die Athleten
Die sportlichen Herausforderungen sind ebenfalls beträchtlich. Im nordischen Stadion von Tesero herrschen bei Temperaturen nahe der Zehn-Grad-Marke und strahlendem Sonnenschein alles andere als winterliche Bedingungen. „Es wird ganz tricky werden, aber da müssen alle durch“, sagte Anja Wicker, die als Gesamtweltcupsiegerin im Para-Biathlon zu den Favoritinnen gehört.
Die 34-Jährige blickt mit gemischten Gefühlen auf die Wettkampfbedingungen: „Nur ein Grad wärmer nachts und wir haben die Suppe schon um 10.00 Uhr.“ Dennoch bleibt ihr Ziel klar: „Natürlich will ich eine Medaille gewinnen. Aber keine Ahnung, was meine Leistung hier bei den Bedingungen wert ist und wie die anderen so zurechtkommen.“
Deutsches Ziel: Platz unter den Top sechs
Das deutsche Team tritt mit 40 Aktiven und acht Guides an – das zweitgrößte Aufgebot in der Geschichte der Winter-Paralympics. Eine konkrete Medaillenvorgabe gibt es zwar nicht, doch der Deutsche Behindertensportverband peilt einen Platz unter den besten sechs Nationen an.
„Natürlich wollen wir sportlich in der absoluten Weltspitze dabei sein“, betonte DBS-Vorstandsvorsitzender Idriss Gonschinska. Vor vier Jahren in Peking wurde Deutschland im Medaillenspiegel Siebter und gewann 19 Medaillen – genau so viele wie bereits bei den Spielen in Pyeongchang.
Die internationale Konkurrenz ist jedoch stark gewachsen. Besonders China hat durch die Ausrichtung der Spiele 2022 einen bemerkenswerten Aufschwung hingelegt und sich mit zuletzt 61 Medaillen bei 78 Entscheidungen an die Spitze katapultiert. Auf Platz zwei landete vor vier Jahren die Ukraine mit 29 Medaillen, gefolgt von Kanada mit 25 Mal Edelmetall.
Trotz aller Herausforderungen – politischer, logistischer und sportlicher Natur – bereitet sich das deutsche Team auf intensive Wettkampftage vor. Während Helfer im Langlaufstadion von Tesero unter frühlingshaften Temperaturen die Strecken präparieren, konzentrieren sich die Athleten auf ihre langjährig vorbereiteten Leistungen. Die Paralympics in Italien versprechen spannende Wettkämpfe unter außergewöhnlichen Bedingungen.



