Viktor Ahn: Vom Olympia-Giganten zur umstrittenen Skandalfigur im Shorttrack
Viktor Ahn: Vom Olympia-Star zur Skandalfigur

Viktor Ahn: Der steinige Weg eines Olympia-Giganten

Viktor Ahn, früher bekannt als Ahn Hyun-soo, gehört zu den erfolgreichsten Olympioniken der Geschichte, doch sein kontroverser Wechsel von Südkorea nach Russland hat sein Vermächtnis nachhaltig getrübt. Der Shorttracker, der bei den Olympischen Winterspielen 2006 in Turin als Maß aller Dinge galt, schrieb vor genau zwei Jahrzehnten Sportgeschichte. Mit Goldmedaillen über 1000 und 1500 Meter sowie einem weiteren Olympiasieg in der Staffel und Bronze über 500 Meter wurde der in Seoul geborene Athlet zum erfolgreichsten Teilnehmer der Turiner Spiele. Zugleich avancierte er zum ersten Südkoreaner, der bei Olympischen Winterspielen mindestens drei Medaillen errang.

Der Aufstieg und der erste Rückschlag

Mit insgesamt sechs Goldmedaillen zählt Ahn bis heute zu den zehn erfolgreichsten Wintersportlern der olympischen Geschichte, aber auch zu ihren umstrittensten Persönlichkeiten. Der Grund dafür liegt in seiner Entscheidung, eine neue Heimat in Wladimir Putins Russland zu finden, was zu erheblichen Verwerfungen führte. Alles begann mit einer schweren Verletzung im Januar 2008, als Ahn beim Training mit seinem Schlittschuh im Eis hängen blieb und sich einen komplizierten Kniebruch zuzog. Nach einer langen Leidenszeit mit vier Operationen innerhalb von 15 Monaten verpasste er als Siebter bei den nationalen Qualifikationsläufen für die Olympischen Winterspiele 2010 in Vancouver die sportliche Qualifikation deutlich.

Verbandsskandal und der Bruch mit der Heimat

Statt sich auf sein Training konzentrieren zu können, fand sich Ahn unversehens im Zentrum eines großen Verbandsskandals wieder. Die Korea Skating Union wurde von Vorwürfen der Spielmanipulation und internen Machtkämpfen erschüttert. Der Vater von Ahn, eine bekannte Persönlichkeit in Südkorea, enthüllte der Öffentlichkeit, dass unter Athleten und Trainern Vereinbarungen über Teilnahmerechte bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften getroffen worden waren, ohne dass sein Sohn davon wusste. In der Folge wurden beteiligte Spieler und Trainer disziplinarisch bestraft, und Führungskräfte des Verbands mussten zurücktreten. Unfreiwillig wurde Ahn so zur Symbolfigur dieses weitreichenden Skandals.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Im Jahr 2011 zog er die Konsequenzen und kündigte seinen Umzug nach Russland an, um sich fernab der Querelen wieder vollständig auf den Sport zu konzentrieren. Dieser Schritt markierte den endgültigen Bruch mit dem Verband und erwies sich für Russland als willkommener Personalcoup im Hinblick auf die Spiele 2014 im eigenen Land. Nach seinem Umzug im Juni erhielt er am 28. Dezember von Staatspräsident Dmitri Medwedew offiziell die russische Staatsbürgerschaft, wodurch er aufgrund südkoreanischer Gesetze seine ursprüngliche Staatsangehörigkeit verlor. Mit dem Nationenwechsel ging auch ein Namenswechsel einher: Aus Ahn Hyun-soo wurde Viktor Ahn, was in seiner Heimat auf massive Kritik stieß und ihm den Vorwurf eines moralischen Ausverkaufs einbrachte.

Sportliche Erfolge und erneute Turbulenzen

Sportlich zahlte sich der Wechsel nach Russland zunächst voll aus. Bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi trumpfte der Neu-Russe in seiner Wahlheimat groß auf und gewann erneut drei Goldmedaillen (über 500 Meter, 1000 Meter und in der Staffel) sowie eine Bronzemedaille über 1500 Meter. Damit stieg er zum Rekord-Olympiasieger im Shorttrack auf. „Ich wollte unter den bestmöglichen Bedingungen trainieren und habe bewiesen, dass meine Entscheidung richtig war“, erklärte Ahn nach dem Gold-Spektakel in Sotschi die Hintergründe seines Nationenwechsels.

Doch die Turbulenzen außerhalb der Eisbahn holten ihn erneut ein. Im Zuge der systematischen Staatsdopingaffäre in Russland und einer Erwähnung im sogenannten McLaren-Bericht wurde Ahn im Jahr 2016 von der Welt-Anti-Doping-Agentur für die Olympischen Winterspiele 2018 in Pyeongchang gesperrt, obwohl er selbst nie positiv auf Doping getestet wurde. Seine Einsprüche in Form eines offenen Briefes an IOC-Präsident Thomas Bach sowie einer Klage vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS blieben erfolglos.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Nach der Karriere: Anhaltende Kontroversen

Im September 2018 erklärte Ahn zunächst seinen Rücktritt vom Leistungssport, kehrte jedoch fünf Monate später noch einmal in den Weltcup zurück, bevor er im April 2020 seine Karriere endgültig beendete. Die Querelen um seine Person rissen auch nach seiner aktiven Laufbahn nicht ab. Nach seiner Rückkehr in sein Geburtsland geriet er erneut in die Kritik, weil er bei den Olympischen Winterspielen 2022 als Trainer im chinesischen Verband tätig war. Als er sich ein Jahr später für das Traineramt beim südkoreanischen Verband bewarb, wurde ihm dies vorgehalten, ebenso wie seine immer wieder kontrovers diskutierte Russland-Connection. Es kam, wie es kommen musste: Ahn wurde abgelehnt. Einmal mehr wollte Russland ihn dann abwerben, doch er sagte aus familiären Gründen ab.

Für seinen Russland-Wechsel, der angesichts der weltpolitischen Zeitenwende im Nachhinein noch brisanter wirkt, muss der inzwischen 40 Jahre alte Ahn sich trotzdem immer wieder rechtfertigen. Es bleibt das große Thema, das für immer mit dem Vermächtnis eines großen Olympioniken verbunden sein wird, und unterstreicht, wie persönliche Entscheidungen und äußere Umstände eine sportliche Karriere nachhaltig prägen können.