Handball-Bundestrainer Markus Gaugisch übt scharfe Kritik an Deutschlands Sportkultur
Markus Gaugisch (51), der bei der Heim-WM im Dezember mit den deutschen Handballerinnen die Silbermedaille gewann, hat im Interview mit dem Mannheimer Morgen eine schonungslose Analyse der deutschen Sportlandschaft vorgelegt. Der Bundestrainer stellt die Behauptung, Deutschland sei eine Sportnation, grundsätzlich in Frage.
Sportaktivität und Infrastruktur im internationalen Vergleich
Gaugisch zieht einen direkten Vergleich zu Dänemark: „In Dänemark treiben 75 Prozent der Bevölkerung aktiv Sport, in Deutschland sind es lediglich 25 Prozent.“ Diese Diskrepanz sei alarmierend. Besonders kritisch sieht er den Zustand der öffentlichen Sportstätten. Es gehe ihm nicht primär um Sporthallen, sondern um alltägliche Orte wie Schulhöfe. „Da hängt nicht selten ein Schild: Ab 17.30 Uhr darf nicht mehr Basketball gespielt werden, weil sich Anwohner durch spielende Kinder gestört fühlen.“ Solche strengen Restriktionen würden aktiv dazu beitragen, dass weniger Kinder Sport treiben.
Mangelnde Wertschätzung für Profisport und Trainerberuf
Aus eigener Erfahrung berichtet Gaugisch von einer fehlenden gesellschaftlichen Anerkennung. „Als Profisportlerin oder Profisportler genießt man in Deutschland nicht die Wertschätzung wie in anderen Ländern. ‚Lern lieber was Gescheites‘, ist ein typischer Satz.“ Auch der Beruf des Trainers werde nicht ernst genommen. Auf die Frage nach seinem Beruf als Handball-Trainer folge oft die Nachfrage: „Und was machst du sonst?“ Dies zeige den geringen Stellenwert des Sports im Alltag. Zwischen dem Selbstbild als Sportnation und der Realität klaffe eine große Lücke.
Die alles überragende Dominanz des Fußballs
Ein zentrales Problem sieht Gaugisch in der übermächtigen Stellung des Fußballs. „Der Fußball steht über allem. Der finanzielle Vorsprung ist so groß, dass er von anderen Sportarten nicht mehr eingeholt werden kann.“ Die massive mediale Präsenz von der ersten bis zur dritten Liga sei „brutal“. Er betont: „Im Schatten des Fußballs wird es für alle anderen Sportarten in Deutschland sehr dunkel.“ Zwar hätten Sportarten wie Basketball (Welt- und Europameister) oder Handball (Vize-Weltmeisterinnen, Vize-Europameister) große Erfolge gefeiert und vorübergehend hohe Einschaltquoten erzielt. Gaugisch bezweifelt jedoch die Nachhaltigkeit dieser Aufmerksamkeit. Für Leichtathleten, Skispringer oder Schwimmer sei die Situation noch schwieriger.
Die Kritik des Bundestrainers ist ein deutlicher Weckruf. Sie fordert eine grundlegende Diskussion über den Stellenwert des Sports in der Gesellschaft, den Zugang zu Sportstätten und die gerechte Förderung jenseits des Fußballs.



