Machtkampf um Sportfördergesetz: DOSB, Politik und Athleten ringen weiter um Einfluss
Machtkampf um Sportfördergesetz: Wer bestimmt über Millionen?

Machtkampf um Sportfördergesetz: Wer bestimmt über Millionen für den Spitzensport?

Mitten in der anhaltenden Medaillenkrise des deutschen Sports soll ein neues Sportfördergesetz den Spitzensport wieder international wettbewerbsfähig machen. Doch hinter den Kulissen tobt ein erbitterter Machtkampf zwischen Politik, Sportverbänden und Athletenvertretern um Einfluss und Kontrolle über die millionenschweren Fördergelder.

Die Medaillenkrise als Auslöser für die Reform

Nach jahrelangen Diskussionen und ernüchternden Ergebnissen bei internationalen Wettkämpfen will die Bundesregierung mit dem Sportfördergesetz den Abschwung des deutschen Spitzensports stoppen. Sport-Staatsministerin Christiane Schenderlein (CDU) betonte nach den enttäuschenden Winter-Olympia- und Paralympics-Ergebnissen in Italien: „Das Abschneiden des deutschen Teams ist ein klarer Handlungsauftrag, unsere geplanten Reformen weiter voranzutreiben.“ Der Bund fördert den Spitzensport in diesem Jahr mit fast 350 Millionen Euro – eine Summe, die kontinuierlich gewachsen ist, während die Medaillenausbeute hinter den Erwartungen zurückblieb.

Das Herzstück: Eine unabhängige Spitzensportagentur

Kern des Reformvorhabens ist die Gründung einer unabhängigen Spitzensportagentur, die im nächsten Jahr ihre Arbeit aufnehmen soll. Diese als Stiftung angelegte Institution mit zwei Vorständen soll eigenständig Fördergelder verteilen und für mehr Planungssicherheit, Effizienz und Transparenz sorgen. Als Vorbild dient dabei vor allem die britische Agentur UK Sport. Doch genau an dieser Stelle entzündet sich der zentrale Konflikt.

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Der Machtkampf um Einfluss und Kontrolle

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) befürwortet die Reform zwar grundsätzlich, pocht aber auf erheblichen Mitsprache. DOSB-Vorstandschef Otto Fricke warnte im ZDF: „Wir wollen nicht einen staatsdominierten Sport am Ende haben.“ Sein Hauptkritikpunkt betrifft die Besetzung des Stiftungsrats, der die Aufsicht über die Agentur führen soll. Die Politik soll sechs Mitglieder entsenden, der DOSB nur drei – eine Verteilung, die Fricke als mangelnde Augenhöhe kritisiert.

Zwar hat das Kanzleramt dem DOSB bereits Zugeständnisse gemacht – ursprünglich sollte das Gremium mit fünf Mitgliedern und nur einem DOSB-Vertreter besetzt sein. Zudem erhielt der organisierte Sport ein Vetorecht bei der Auswahl der Agenturvorstände. Doch Fricke bleibt bei seiner Forderung: „Es besteht noch immer keine Augenhöhe zwischen der Politik und dem organisierten Sport.“

Athleten fühlen sich übergangen

Besonders enttäuscht zeigen sich die Athletenvertreter. Johannes Herber, Geschäftsführer des Vereins Athleten Deutschland, sagte dem ZDF: „Wir waren erst mal fassungslos.“ Der Vorwurf: Athletenvertreter erhalten keine verbindliche Rolle im Stiftungsrat, sondern sind nur im beratenden Sportfachbeirat repräsentiert – ohne Entscheidungsbefugnisse.

Herber kritisiert scharf: „Die Botschaft, die da gesendet wird: Wir wollen über Athleten entscheiden, aber nicht mit Athleten.“ Zudem seien die Schutzvorgaben für Sportler vor Gewalt und Missbrauch im Zusammenhang mit der Fördervergabe zu weich formuliert.

Streit um den Sitz der Agentur

Ein weiterer Konfliktpunkt ist der Standort der geplanten Spitzensportagentur. Sport-Staatsministerin Schenderlein will die Einrichtung nach Leipzig in ihr Heimat-Bundesland Sachsen holen. Der DOSB zeigte sich verstimmt über die fehlende Vorabsprache und will sich im parlamentarischen Verfahren für Frankfurt am Main starkmachen.

Schenderlein begründete ihre Ablehnung einer Nähe zum DOSB-Sitz in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“: „Echte Unabhängigkeit können wir unter dem Dach des DOSB als Dachorganisation der Zuwendungsempfänger nicht erreichen.“ Auch die sportpolitische Sprecherin der SPD, Bettina Lugk, erkannte ein „fragwürdiges Rollenverständnis des DOSB“.

Politische Widerstände und unklarer Zeitplan

Die Reform hat bereits eine lange Vorgeschichte. Der Bundesrechnungshof kritisierte seit Jahren die Vergabe der Steuermittel und monierte einen zu großen Einfluss des Sports. Ein erster Gesetzentwurf der Ampel-Regierung war durch den Koalitionsbruch gestoppt worden.

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Nun kommt Rückenwind für den DOSB aus Bayern. Ministerpräsident Markus Söder sagte der „Bild“: „Es braucht größtmögliche Entscheidungsfreiheit der Sportverbände statt staatlicher Einmischung.“ Sein CSU-Kollege Alexander Dobrindt blockierte als Bundesinnenminister zeitweise den Weg des Gesetzes ins Kabinett.

Nach der Kabinettsverabschiedung müssen sich noch Bundesrat und Bundestag mit dem Sportfördergesetz befassen. Ob es wie von Schenderlein erhofft noch vor der Sommerpause in Kraft treten kann, ist fraglich. Sicher ist: Seine volle Wirkung wird das Gesetz erst in einigen Jahren entfalten können – falls sich die zerstrittenen Parteien überhaupt auf einen gemeinsamen Weg einigen können.