Felix Neureuther übt scharfe Kritik am deutschen Sportsystem
Der ehemalige Skirennläufer Felix Neureuther hat in einem Gastbeitrag für die "WELT" deutliche Worte gefunden. Der 41-jährige Experte, der kürzlich noch als ARD-Kommentator bei den Olympischen Winterspielen im Einsatz war, zieht ein ernüchterndes Fazit zur Sportförderung in Deutschland.
Kinder werden laut Neureuther "zu früh fallen gelassen"
"Wir haben in Deutschland zwar viele Kinder im Alter von fünf, sechs, sieben Jahren in den Vereinen, aber im Alter von 13, 14 oder 15 Jahren sind die alle wieder weg", stellt Neureuther fest. Der ehemalige Spitzensportler kritisiert, dass junge Talente entweder durch schulische Belastungen ausgebremst würden oder vom Sportsystem zu früh aussortiert werden.
Neureuther sieht in Norwegen ein vorbildliches System: "In Norwegen haben die Kinder viel mehr Zeit, sich sportlich zu entwickeln. Die können vier oder fünf Sportarten machen und entscheiden dann erst mit 15 oder 16 Jahren, welche Sportart sie professionell angehen wollen." Dieses Modell kontrastiere stark mit der deutschen Praxis der frühen Spezialisierung.
Frühe Professionalisierung als "riesengroßer Fehler"
Der Ex-Skistar beklagt einen grundlegenden Mangel im deutschen Ansatz: Die "unglaublich frühe Professionalisierung auf nur eine Sportart" bezeichnet er als schwerwiegenden Fehler. Diese Herangehensweise führe dazu, dass vielversprechende Talente verloren gingen, bevor sie sich voll entfalten könnten.
Besonders kritisch sieht Neureuther die Situation im Schulsport: "Kinder müssen zu Hause nicht Sport treiben, um eine gute Note zu bekommen, so wie es für andere Fächer wie Mathematik nötig ist. Kennen Sie einen Menschen, der mal wegen Sportnoten durchgefallen ist? Ich nicht. Und der Sportunterricht ist doch der Erste, der ausfällt."
Konkrete Forderungen für ein Umdenken
Neureuther stellt klare Forderungen auf: "Am Tag müssten zwei Stunden Sport als Gesundheitsförderung in unserem Bildungssystem verankert werden. Wir brauchen ein klares Bekenntnis zur Bewegung!" Angesichts der Digitalisierung und zunehmender Bewegungsarmut bei Kindern sei dies dringend notwendig.
Der 41-Jährige warnt: "Wenn Kindern in Zeiten der Digitalisierung alles abgenommen wird und sie sich in der Woche effektiv nur 30 Minuten bewegen, dann hat das mit Sportförderung nichts zu tun." Eine halbe Stunde Bewegung pro Woche sei völlig unzureichend für eine gesunde Entwicklung.
Mangel an jungen Talenten in Deutschland
Neureuther beobachtet mit Sorge den Nachwuchsmangel im deutschen Spitzensport: "Wo haben wir denn einen oder eine 17-, 18-, 19-Jährige(n), bei dem oder der du das Gefühl hast, der oder die kann in einer Sportart dreimal Olympiasieger werden?" Er verweist auf das Karriereende etablierter Athleten wie Franziska Preuß, Tobias Wendl, Tobias Arlt und Hansi Lochner.
Dem deutschen Sport fehlten zunehmend "Medaillengaranten", da große Talente "immer mehr verloren" gingen. Neureuther wirkt entschlossen: Beim Thema Sportförderung müsse dringend ein grundlegendes Umdenken stattfinden, um die Zukunftsfähigkeit des deutschen Sports zu sichern.



