Ukrainisches Team bei Winter-Paralympics: Schwere Vorwürfe gegen IPC wegen Repressalien
Bei den Winter-Paralympics in Italien erhebt das ukrainische Team schwere Vorwürfe gegen das Internationale Paralympische Komitee (IPC) und das Organisationskomitee. In einem offiziellen Statement beklagt das ukrainische Paralympics Komitee systematischen Druck seit Beginn der XIV. Winter-Paralympischen Spiele in Cortina d'Ampezzo, Mailand und Tesero.
Systematischer Druck beklagt
Das ukrainische Paralympics Komitee erklärte, dass die Nationalmannschaft, ihre Athleten und Trainer seit dem Start der Spiele kontinuierlichem Druck durch Vertreter des IPC und des Organisationskomitees ausgesetzt seien. Diese Vorwürfe wurden in einem detaillierten Statement öffentlich gemacht, das mehrere konkrete Beispiele für die angeblichen Repressalien aufführt.
Das IPC reagierte überrascht auf diese Anschuldigungen. Ein Sprecher teilte auf Anfrage mit, dass das ukrainische nationale Paralympics Komitee weder über die offiziellen Kommunikationskanäle noch über andere Wege Bedenken geäußert habe. „Wir haben zwar Verständnis für die Situation der ukrainischen Bevölkerung, doch dieses Verständnis erlaubt es dem NPC Ukraine nicht, gegen die Regeln dieser Spiele zu verstoßen“, hieß es in der Stellungnahme des IPC.
Konkrete Vorwürfe im Detail
In seinem offenen Brief listet das ukrainische Paralympics Komitee vier konkrete Vorfälle auf:
- Oleksandra Kononowa musste nach ihrem Sieg im Biathlon-Sprint bei der Siegerehrung ihre Ohrringe in den ukrainischen Nationalfarben blau und gelb mit der Aufschrift „Stop War“ entfernen. Der ukrainische Verband behauptet, ein IPC-Vertreter habe rüde versucht, ihr die Ohrringe wegzunehmen. Das IPC bestätigte zwar, dass Kononowa ihre Ohrringe abnehmen musste, betonte aber, sie sei höflich darum gebeten worden und habe zugestimmt.
- Die ukrainische Flagge vor dem Quartier im paralympischen Dorf musste abgenommen und an einer weniger sichtbaren Stelle wieder aufgehängt werden.
- Der Familie von Biathlet Taras Rad, der Sieger im Biathlon-Sprint und Dritter im Einzel wurde, wurden durch Vertreter des IPC und des Organisationskomitees Fahnen und Schals mit ukrainischen Ornamenten abgenommen.
- Eine tägliche Zusammenkunft am Abend im Gemeinschaftsraum der Unterkunft, die sich das ukrainische Team mit anderen Mannschaften teilt, wurde für unzulässig erklärt.
Vorwurf der Russland-Nähe
Zusätzlich zu den konkreten Vorfällen wirft das ukrainische Paralympics Komitee dem IPC „seit langem die offensichtliche, besondere Loyalität“ gegenüber den Paralympischen Komitees von Russland und Belarus vor. Dieser Vorwurf bezieht sich auf die Entscheidung, Sportler aus diesen Ländern wieder unter nationalen Symbolen antreten zu lassen.
Das IPC wies diesen Vorwurf entschieden zurück. Die Entscheidung, den Ausschluss von Russland und Belarus aufzuheben, sei im September des Vorjahres von den Mitgliedsverbänden auf der Generalversammlung demokratisch getroffen worden und nicht vom IPC-Vorstand oder dem Management-Team. Diese demokratische Entscheidungsfindung stehe im Mittelpunkt der IPC-Politik.
Historischer Kontext der Spiele
Bei den aktuellen Winter-Paralympics in Italien dürfen Sportler aus Russland und Belarus erstmals seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine vor vier Jahren wieder unter nationalen Symbolen bei einer Sport-Großveranstaltung antreten. Dies markiert eine bedeutende Veränderung in der internationalen Sportpolitik nach den Sanktionen der vergangenen Jahre.
Für die alpine Super-G-Siegerin Warwara Worontschichina wurde bei der Siegerehrung erstmals seit den Paralympics 2014 in Sotschi nicht nur die russische Fahne gehisst, sondern auch die Nationalhymne gespielt. Dieser symbolträchtige Moment unterstreicht die veränderte politische Landschaft im internationalen Behindertensport.
Die Vorwürfe des ukrainischen Teams und die Reaktion des IPC zeigen die anhaltenden Spannungen im internationalen Sport, die durch den Krieg in der Ukraine weiter verschärft werden. Während das IPC auf Einhaltung der Regeln und demokratische Verfahren pocht, fühlt sich das ukrainische Team in seiner nationalen Identität und seinem Ausdrucksrecht eingeschränkt.



