Anna Artyshuk: Volleyballprofi aus der Ukraine lebt zwischen Spiel und Kriegsangst
Anna Artyshuk: Leben zwischen Volleyball und Krieg in der Ukraine

Anna Artyshuk: Die einzige Ukrainerin in der Volleyball-Bundesliga

Anna Artyshuk vom SSC Schwerin ist aktuell die einzige Spielerin aus der Ukraine, die in der ersten Volleyball-Bundesliga der Frauen aktiv ist. Während in ihrer Heimat der Krieg seit über vier Jahren zum traurigen Alltag gehört, muss die 25-Jährige auf dem Spielfeld Höchstleistungen bringen. Wie gelingt ihr dieser schwierige Balanceakt zwischen zwei völlig unterschiedlichen Welten?

Die tägliche Herausforderung: Konzentration trotz Sorge

Anna Artyshuk misst 1,92 Meter, ist durchtrainiert und besitzt normalerweise ein sympathisches Lächeln. Bei unserem Gespräch zeigt sie dieses jedoch nicht, denn das Thema ist ernst. Die Volleyballerin hat sich bereit erklärt, über ihr Leben zwischen Hochleistungssport und den ständigen Sorgen um Freunde und Familie in der Ukraine zu sprechen. Ihr Trainer Felix Koslowski beschreibt diese Situation als kaum vorstellbare Herausforderung: „Für unser Team ist jeder Punkt, jeder Schlag von großer Bedeutung. Oft entscheiden Details über Sieg oder Niederlage. Doch wie wichtig ist das Ergebnis eines Volleyballspiels noch, wenn gleichzeitig die eigene Heimat bombardiert wird?“ Der Coach betont, dass Anna sich zwar bestmöglich konzentriere, die Sorgen aus dem Unterbewusstsein jedoch kaum zu verdrängen seien.

Informationsflut und bewusster Rückzug

Artyshuk erzählt, dass sie zu Kriegsbeginn vor etwa vier Jahren nahezu alle verfügbaren Informationen über die Lage in der Ukraine aufgesogen habe. „Ich verfolgte die wichtigsten Nachrichtensender und erhielt über WhatsApp-Gruppen ständig neue, schreckliche Meldungen. Diese rund um die Uhr eintreffenden schlechten Nachrichten waren extrem belastend.“ Vor ungefähr zwei Jahren traf sie eine entscheidende Veränderung: „Ich löschte alle Kanäle, die von Tod und Zerstörung berichteten. Ich wollte mich und meine Karriere nicht länger damit belasten. Mir war klar, dass ich die wirklich wichtigen Entwicklungen ohnehin erfahren würde.“ Diese bewusste Entscheidung habe ihr gutgetan und ermögliche ihr eine bessere Fokussierung auf den Sport.

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Familie in Kowel: Leben unter Raketenangriffen

Trotzdem steht die SSC-Spielerin weiterhin in ständigem Austausch mit ihrer Familie. Ihre Eltern und ihr zwölfjähriger Bruder leben nach wie vor in der 70.000-Einwohner-Stadt Kowel im Südwesten der Ukraine. Zwar ist die Situation dort nicht so dramatisch wie in den umkämpften Regionen im Osten, dennoch ist Kowel als wichtiger Verkehrsknotenpunkt in Richtung Polen immer wieder russischen Raketenangriffen ausgesetzt.

Ein besonders eindrückliches Erlebnis schildert Anna Artyshuk aus der Silvesternacht: „Während in Schwerin mit Böllern gefeiert wurde, saß meine Familie etwa vier Stunden lang zu Hause im Badezimmer. Raketen flogen über ihr Haus und sie beteten, dass nichts passieren möge. Als ich davon erfuhr, war meine eigene Silvesterfeier natürlich beendet.“ Sie erklärt, dass das Badezimmer aufgrund fehlender Fenster als vermeintlich sicherster Ort im Haus gelte.

Besuch in der Heimat: Bunkeralltag in Kiew

Im September vergangenen Jahres war Artyshuk zuletzt in der Ukraine – bei ihren Eltern, aber auch bei einer guten Freundin in der Hauptstadt Kiew. „Während wir durch die Straßen spazierten, sagte sie plötzlich, wie viel Glück ich hätte. Es gebe heute offenbar keinen Alarm und wir müssten nicht in den nächsten Bunker flüchten.“ Was für uns kaum vorstellbar sei, gehöre in Kiew längst zur traurigen Normalität. Auf die Frage, ob sie jemals erwogen habe, Deutschland zu verlassen, um ihrer Familie beizustehen, antwortet Artyshuk nach kurzem Zögern: „Nein. Damit habe ich mich nicht befasst. Wenn ich dort bin, fühle ich mich wie im falschen Film – hilflos und unfähig, etwas zu tun, außer zuzusehen und zu hoffen, dass alles irgendwie gut geht.“

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Alltag in der Heimat: Strompläne und steigende Preise

Von Raketeneinschlägen oder Drohnenangriffen über Kowel erzählt Annas Vater ihr übrigens nur selten. Nicht, weil es diese nicht gäbe, sondern weil er möchte, dass sich seine Tochter auf ihre Karriere als Volleyballprofi konzentriert. „Er beschwert sich hauptsächlich darüber, dass alles immer teurer wird. Im Winter ging es vor allem um die Frage, in welchen Stunden Strom verfügbar ist und in welchen nicht. Dafür gab es genaue Tabellen, nach denen meine Eltern ihr Leben ausrichten mussten.“

Begegnungen mit Russinnen: Zwischen Sport und Politik

Wie verhält sich Anna Artyshuk, wenn ihr auf dem Spielfeld oder anderswo Russinnen begegnen? „In der Bundesliga spielen derzeit keine Russinnen, aber in der Champions League gehörten drei Spielerinnen zum Kader von Ankara.“ Vor der Partie gegen Zeren Spor Kulübü habe sie sich tatsächlich Gedanken darüber gemacht, ob sie nach dem Spiel – wie üblich – mit diesen besonderen Gegnerinnen abklatschen sollte. „Letztlich habe ich es gemacht und mir meinen Teil dazu gedacht.“

Eine weitere Begegnung schildert sie aus ihrem letzten Urlaub: „Meine Freundin und ich waren in einem Resort in der Türkei. Eine junge Frau sprach uns auf Englisch an und suchte Kontakt. An ihrem Akzent hörte ich sofort, dass sie nicht aus der Ukraine stammte. Als sie sagte, sie sei aus Moskau, haben wir uns freundlich verabschiedet.“

Sportliche Ziele: Nationalmannschaft und Meisterschaft

Mit der ukrainischen Nationalmannschaft nahm Artyshuk an der Volleyball-Weltmeisterschaft in Thailand teil. Wichtiger als der 18. Platz war ihr die Präsenz auf dieser großen Bühne: „Sportlicher Höhepunkt war sicher unser Spiel gegen Japan. Wir haben zwar knapp verloren, aber wir haben gekämpft und gezeigt, dass es die Ukraine noch gibt.“ Sie betont, wie wichtig es sei, im internationalen Sport mitzumischen und im wahrsten Sinne des Wortes Flagge zu zeigen.

Besonderen Respekt hat sie vor der Haltung ihres Landsmanns Wladislaw Heraskewytsch. Über den Skeletonfahrer, der bei den Olympischen Winterspielen einen Helm mit den Namen von 20 im Krieg getöteten ukrainischen Athleten zeigen wollte, sagt sie: „So bitter es für ihn war, nicht mit diesem Helm starten zu dürfen, so sehr hat er seine Möglichkeiten für eine wichtige Botschaft genutzt. Die Message war ihm wichtiger als seine persönlichen Ziele.“

Persönliche Ambitionen mit dem SSC Schwerin

Und welche Ziele verfolgt Anna Artyshuk in dieser Saison mit dem SSC Schwerin? „Ich will mit dem Team ins Finale um die Deutsche Meisterschaft einziehen.“ In diesem Sinne gilt für die 25-Jährige: volle Konzentration auf den Sport, trotz aller Herausforderungen im Hintergrund.