Deutsches Biathlon im Umbruch: Die Suche nach dem nächsten Superstar
Nach dem Karriereende von Franziska Preuß steht das deutsche Biathlon-Team vor einer gewaltigen Herausforderung. Die Gesamtweltcupsiegerin hinterlässt eine Lücke, die aktuell niemand zu füllen vermag. Während Norwegen und Frankreich in der Weltspitze dominieren, kämpft Deutschland darum, den Anschluss nicht zu verlieren.
Die Sisyphusarbeit der Nachwuchsförderung
Sportdirektor Felix Bitterling beschreibt die Situation deutlich: „Wir haben ohne Franzi nicht mehr diesen Über-Biathleten. Wir haben wirklich gute Sportler, aber derzeit nicht diese X-Faktor-Athleten.“ Die Suche nach einem neuen Biathlon-Juwel gestaltet sich als wahre Sisyphusarbeit, da sich immer weniger Jugendliche für den Leistungssport entscheiden.
Die Olympischen Spiele in Antholz offenbarten die Probleme schonungslos. Für das DSV-Team reichte es lediglich zu Bronze in der Mixed-Staffel. Zwar gab es vier vierte Plätze und mehrere Top-Ten-Resultate, doch Medaillen blieben Mangelware. Auch im laufenden Weltcup wartet das deutsche Team noch auf den ersten Saisonsieg.
Strukturelle Defizite und hoffnungsvolle Talente
Besonders bei den Männern zeigt sich ein strukturelles Problem. „Hier haben uns ein oder zwei Generationen einfach gefehlt“, erklärt Bitterling. Dadurch fehlt der notwendige Konkurrenzkampf im Weltcupteam. Als Hoffnungsträger gelten:
- Leo Pfund (22 Jahre)
- Elias Seidl (21 Jahre)
- Franz Schaser (23 Jahre)
Bei den Frauen könnten Julia Tannheimer (20) und Selina Grotian (21) zu den ersehnten Unterschiedsathletinnen werden. Doch dafür müssen sie den nächsten Schritt machen und beweisen, dass sie mehr als nur Talente sind.
Internationale Kritik an deutschen Methoden
Die Probleme im deutschen Biathlon sind so offensichtlich, dass sogar ausländische Beobachter sich zu Wort melden. Norwegens Rekordweltmeister Johannes Thingnes Bö konstatiert: „Ein Wandel in Deutschland ist absolut notwendig.“ Noch drastischer formuliert es der französische Ex-Biathlet Loïs Habert.
Habert, der kürzlich deutsche und italienische Athleten in seinem Sporthotel beherbergte, sagt: „Und ich hatte den Eindruck, dass sie genauso trainieren wie ich 2012.“ Während Norwegen und Frankreich in allen Bereichen an der Spitze stünden, seien einige Teams „im vorigen Jahrhundert, im vorigen Jahrzehnt stehen geblieben.“
Veränderungen mit langem Vorlauf
Bitterling räumt ein, dass Norwegen und Frankreich „ganz brutal vorn wegmarschieren“. Dahinter klaffe eine große Lücke, in der sich Deutschland mit anderen Nationen um den Anschluss bemüht. „Die entsprechenden Analysen haben bereits begonnen“, sagt der Sportdirektor, der nach der Saison zum Weltverband IBU wechselt.
Vor zweieinhalb Jahren leitete der deutsche Verband bereits Veränderungen ein:
- Gründung einer Trainer-Taskforce
- Einrichtung einer Schießakademie
- Einsatz von Ex-Bundestrainer Mark Kirchner für Trainingsmethodik
Doch bis diese Maßnahmen sichtbar greifen, „dauert es aber wahrscheinlich Jahre. Man hätte es viel früher machen müssen“, gesteht Bitterling. Deutschland habe zudem einen Standortnachteil: Durch die sich nach oben verlagernde Schneefallgrenze stünden „viele unserer Nachwuchsathleten deutlich später auf Schnee als die Konkurrenz zum Beispiel aus Skandinavien.“
Kritik an der Nachwuchsarbeit
Der viermalige Olympiasieger Sven Fischer sieht vor allem in der Nachwuchsarbeit gravierende Probleme. „Bei uns wird der Nachwuchs fast schon stümperhaft behandelt“, kritisiert der 54-Jährige. Im Kinder- und Schülerbereich werde „an der falschen Stelle Druck ausgeübt. Erst an der Schwelle zum Weltcup darf es ein knallhartes Auswählen geben.“
Fischer betont: „Die Jugendlichen müssen Zeit bekommen, um besonders aus Fehlern zu lernen.“ Entscheidend sei der Umgang mit Ergebnissen und die richtige Interpretation der Leistung. „Wenn dann noch die Freiheit und die Kreativität verloren gehen, haben wir viele Junioren-Weltmeister – aber wenige wirkliche Weltmeister und Olympiasieger.“
Trotz aller Herausforderungen teilt Bitterling „die teilweise sehr zugespitzte Weltuntergangsstimmung rund um den deutschen Biathlon nicht“. Das Team habe bei Olympia viele starke Leistungen gezeigt, mehrere nur sehr knapp an den Medaillen vorbei. Die Suche nach dem nächsten X-Faktor-Athleten bleibt jedoch die drängendste Aufgabe für die Zukunft des deutschen Biathlons.



