Claudia Pechstein: 16 Jahre Doping-Kampf und ihr Leben nach der Rehabilitierung
Claudia Pechstein: 16 Jahre Doping-Kampf und heutiges Leben

Claudia Pechstein: Vom Olympia-Gold zum 16-jährigen Doping-Kampf

Es war ein ikonischer Moment, der Sportgeschichte schrieb: Salt Lake City, 23. Februar 2002. Claudia Pechstein, gerade einen Tag nach ihrem 30. Geburtstag, gewinnt über 5000 Meter im Eisschnelllauf ihr viertes Olympia-Gold. Auf der Ehrenrunde setzt sie eine strubbelige Perücke in Schwarz-Rot-Gold auf – ein Bild, das um die Welt ging und heute im Haus der deutschen Geschichte in Bonn ausgestellt ist.

Die goldenen Jahre und die Rivalität mit Anni Friesinger

„Die 5000 Meter mit Weltrekord, und das nach den 3000 Metern, die ich ebenfalls mit Weltrekord gewann, das war schon sehr besonders“, erinnert sich die heute 53-jährige Berlinerin. Besonders auch, weil Erzrivalin Anni Friesinger-Postma bei diesem Rennen nur Sechste wurde. Die beiden Top-Stars befanden sich damals mitten im berühmten „Zicken-Zoff“, einer öffentlich ausgetragenen Rivalität, die das Medieninteresse an ihrem Sport steigerte.

„Das Ganze war nicht inszeniert. Wir zwei mochten uns wirklich nicht“, sagte Friesinger-Postma kürzlich. Pechstein bestätigt: „Wir haben noch nie einen Kaffee zusammen getrunken, haben uns aber immer respektiert.“ Trotz der Spannungen feierten beide 2002 ihre eigenen Gold-Partys – Friesinger-Postma hatte die 1500 Meter gewonnen. Vier Jahre später in Turin rissen sie sich sogar zusammen und holten mit Daniela Anschütz-Thoms Gold im Team.

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Einzigartige Rekorde und familiäre Verbindungen

Mit insgesamt neun Olympia-Medaillen, fünf Goldmedaillen und 274 Podestplätzen in ihrer Karriere ist Pechstein eine der erfolgreichsten Wintersportlerinnen weltweit. Ihre acht Teilnahmen bei Olympischen Winterspielen sind ein Alleinstellungsmerkmal, das keine andere Frau erreicht hat. „Solch ein Alleinstellungsmerkmal ist definitiv etwas Besonderes“, sagt sie stolz.

Die olympische Tradition könnte in der Familie fortgesetzt werden: Ihre 14-jährige Nichte Nele will in ihre Fußstapfen treten und ist bereits Deutsche Meisterin in ihrer Altersklasse. „Ich mache ihr keinen Druck“, betont Pechstein. „Ich sage ihr immer: Du darfst den Spaß nicht verlieren.“

Der 16-jährige Kampf gegen Doping-Vorwürfe

Doch Pechsteins Karriere war nicht nur von Erfolgen geprägt. 2009 begann ein 16-jähriger Albtraum: Bei der WM in Hamar waren die Werte ihrer roten Blutkörperchen zu hoch – ein Indiz für Blut-Doping. Eine zweijährige Sperre folgte, obwohl sie sich in über 700 Kontrollen nie positiv testete.

Erst Jahre später wurde der wahre Grund gefunden: Eine vererbte Blut-Anomalie ihres Vaters war die Ursache. Doch selbst diese Erkenntnis konnte die Gegenseite nicht beschwichtigen. „Ich wollte so lange laufen, bis der Fall zu Ende ist. Aber ich habe nicht gedacht, dass es so lange dauert“, sagt Pechstein.

Erst im Februar 2025, nachdem das Bundesverfassungsgericht ihre Schadensersatzklage gegen den Weltverband ISU für zulässig erklärt hatte, wurde sie endgültig rehabilitiert und entschädigt. „Ich bin froh, dass ich so viel Unterstützung von meinem Lebensgefährten Matthias und meiner Familie hatte, denn allein hältst du das nicht durch“, gesteht sie.

Neue Herausforderungen als Trainerin

Trotz des langen Kampfes kehrte Pechstein erfolgreich zurück und holte weitere acht EM- und WM-Medaillen. „Dass ich mit diesem Rucksack überhaupt halbwegs anständige Leistungen bringen konnte, mit 45 Jahren noch zwei Weltcup-Siege geholt habe, das ist einfach krass“, bewertet sie ihre späten Erfolge.

Heute gibt die sechsmalige Weltmeisterin ihre Erfahrungen als Bundesstützpunkt-Trainerin in Inzell an den Nachwuchs weiter. Doch auch hier kämpft sie mit bürokratischen Hürden: „Die Stelle ist bewilligt, aber ich bekomme nicht das sogenannte ‚Sportfachliche Votum‘. Das heißt, das Bundesinnenministerium müsste die Stelle bezahlen, tut es aber nicht. Das ist für mich nicht zu begreifen.“

Ihre Kritik am deutschen Sportsystem ist deutlich: „Solange der DOSB und das Ministerium nicht ihre Hausaufgaben machen, brauchen wir von einem Platz unter den fünf besten Sportnationen bis 2035 nicht zu reden. Der DOSB muss wieder sportlich denken, die Trainer unterstützen. Die verdienen nicht genug – das muss deutlich attraktiver werden.“

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Ein Leben neben dem Sport

Pechstein hat sich nie auf den Sport beschränkt. Sie lehnte dreimal Angebote des Playboy ab, kandidierte 2021 für die CDU bei der Bundestagswahl und veröffentlichte bereits ein Buch („Von Gold und Blut“). Ein weiteres Buch und sogar ein Film sind in Planung. „Genug Geschichten gibt es ja“, sagt sie mit einem Lächeln.

Im September feiert sie in Berlin ihren großen Abschied vom aktiven Sport. Auf die Frage, ob Friesinger-Postma dabei sein wird, antwortet diese: „Nein, das ist ihr Abend. Den soll sie genießen. Ich wünsche ihr nur das Beste.“ Pechstein reagiert versöhnlich: „Das ist lieb von ihr. Ich werde den Tag ganz sicher genießen. Meine Vorfreude ist jetzt schon riesig.“

Nach 16 Jahren Kampf gegen ungerechtfertigte Doping-Vorwürfe, neun Olympia-Medaillen und einer beispiellosen Karriere blickt Claudia Pechstein heute auf ein bewegtes Leben zurück – und kämpft weiter für bessere Bedingungen im deutschen Sport.