Neue Ära im deutschen Skispringen: Hannawald zieht Bilanz und benennt Favoriten
Bei den deutschen Skispringern steht ein bedeutender Wechsel bevor: Stefan Horngacher tritt nach sieben erfolgreichen Jahren als Bundestrainer zurück. Die Saison 2025/26 markiert damit das Ende einer Ära, die von strukturellen Weiterentwicklungen und internationalen Erfolgen geprägt war. Skisprung-Legende Sven Hannawald, der als ARD-Experte die Szene genau beobachtet, hat im SPORT1-Interview eine umfassende Bilanz gezogen und sich zur anstehenden Trainerfrage geäußert.
Horngachers Vermächtnis: Strukturelle Weiterentwicklung und Olympiasieg
Stefan Horngacher wird Ende März beim Saisonfinale in Planica zum letzten Mal die deutschen Skispringer um Philipp Raimund, Felix Hoffmann und Andreas Wellinger betreuen. Hannawald würdigt die Arbeit des scheidenden Bundestrainers als besonders wertvoll und wegweisend. „Für ihn war es ein besonderer und teilweise auch schwieriger Weg“, erklärt Hannawald und verweist auf die ständigen Veränderungen bei Material und Regularien, die eine klare Trainingsphilosophie erschwerten.
Dennoch betont der Experte die zahlreichen Erfolge unter Horngachers Führung:
- Karl Geiger wurde 2020 Skiflug-Weltmeister
- Philipp Raimund gewann Olympiagold
- Strukturelle Weiterentwicklung durch Windkanalnutzung
- Modernisierung der Trainingsmethodik, besonders im Krafttraining
„Viele dieser Entwicklungen hat Stefan Horngacher angestoßen, und sie werden auch künftig Bestand haben“, so Hannawald. Der ehemalige Weltmeister hebt hervor, dass solche Ansätze zuvor in dieser Form nicht existierten und Horngacher sie aus seiner Zeit beim polnischen Team nach Deutschland mitgebracht habe.
Die Nachfolgefrage: Stöckl als Favorit, Schmitt als Zukunftsperspektive
Die Suche nach Horngachers Nachfolger beschäftigt aktuell den Deutschen Skiverband. Hannawald nennt Alexander Stöckl als naheliegenden Kandidaten: „Er hat in Norwegen über viele Jahre hinweg hervorragende Arbeit geleistet“. Allerdings warnt der Experte davor, die Rolle des Bundestrainers zu idealisieren. Organisatorische und administrative Aufgaben würden viel Zeit beanspruchen und die eigentliche Trainingsarbeit einschränken.
Als langfristige Perspektive sieht Hannawald seinen früheren Teamkollegen Martin Schmitt: „Martin war schon zu unserer aktiven Zeit sehr strukturiert. Er hat immer viele Fragen gestellt und wollte genau verstehen, warum bestimmte Trainingsmethoden angewendet werden“. Allerdings sei der Zeitpunkt für Schmitt noch nicht optimal, da die Position des Bundestrainers praktisch permanente Reisetätigkeit erfordere.
Ungenutzte Potenziale: Risikobereitschaft als Schlüsselfaktor
Hannawald identifiziert einen zentralen Punkt, an dem der Nachfolger ansetzen sollte: Die Risikobereitschaft in entscheidenden Momenten. „Mir fällt immer wieder auf, dass in entscheidenden Momenten häufig das letzte Maß an Risikobereitschaft fehlt“, analysiert der Experte. Während die deutsche Mannschaft bei Großereignissen oft auf Sicherheit setze, gingen andere Teams konsequenter Risiken ein.
Dieser Unterschied könnte laut Hannawald auch erklären, warum der Gesamtsieg bei der Vierschanzentournee seit langem ausbleibt. „Wer bei einem solchen Event vor allem vermeiden möchte, Fehler zu machen, wird selten gewinnen“, so seine klare Einschätzung. Die Konkurrenz aus Österreich, Norwegen, Polen und Japan habe in den vergangenen Jahren deutlich häufiger triumphiert.
Zukunftsperspektiven: 75. Vierschanzentournee als Chance
Statistisch betrachtet, müsste Deutschland eigentlich wieder an der Reihe sein für einen Tourneesieg. Hannawald sieht im kommenden Jahr eine besondere Gelegenheit: „Die Vierschanzentournee feiert ihren 75. Geburtstag, und erstmals werden auch die Frauen Teil des Programms sein. Es wäre ein schönes Zeichen, wenn gerade in diesem Jahr wieder ein deutscher Gesamtsieg gelingen würde“.
Der Experte betont jedoch, dass für solche Erfolge mehr nötig sei als nur das Halten des bisherigen Niveaus. Ein gesundes Risiko und die Bereitschaft, alles zu investieren, seien entscheidend für den Durchbruch bei internationalen Highlights. Die kommende Saison wird zeigen, ob der neue Bundestrainer diese Lücke schließen kann und das deutsche Skispringen zurück an die Weltspitze führt.



