Vom Ruderboot auf die Loipe: Marchands historisches Triple
In welchem Outfit Kathrin Marchand bei den Winter-Paralympics in Italien Sportgeschichte schreiben will, steht für die 35-Jährige bereits fest. Aufgrund der ungewöhnlich warmen Witterungsbedingungen ließ die gebürtige Kölnerin ihren Rennanzug kurzerhand kürzen. Wenn sie am Dienstag im klassischen Skilanglauf in knielanger Hose und mit Kurzarmshirt auf die Loipe geht, wird sie zur ersten Athletin weltweit, die sowohl bei Olympischen Spielen als auch bei den Paralympischen Sommer- und Winterspielen an den Start gegangen ist.
Von Olympia zum Schicksalsschlag
„Ich möchte zeigen, dass man viel erreichen kann, wenn man den Willen dazu hat und an seine Träume glaubt“, betont Marchand im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Als Ruderin startete sie bereits zweimal bei Olympischen Spielen – 2012 in London und 2016 in Rio de Janeiro. Ihre Leistungssportkarriere hatte die damals 30-Jährige jedoch bereits beendet und sich auf ihre berufliche Zukunft als Ärztin konzentriert, als ein Schlaganfall im Jahr 2021 ihr Leben grundlegend veränderte.
Durch den gesundheitlichen Einschnitt sieht die Sportlerin auf beiden Augen etwa ein Drittel weniger, ihre linke Körperhälfte ist in ihrer Funktion eingeschränkt. Auch Multitasking oder die Orientierung in neuen Umgebungen fallen ihr deutlich schwerer. Dennoch ließ sie sich nicht entmutigen.
Neustart durch Para-Sport
Ein Jahr nach dem Schicksalsschlag brachte ein Fernsehbericht über Para-Sport Marchand zurück in den Spitzensport – zunächst erneut ins Ruderboot. Bei den Paralympics 2024 in Paris verpasste sie im Mixed-Vierer die Bronzemedaille nur um wenige Hundertstelsekunden. „Ich war danach frustriert vom Rudern. Dann wurde ich angesprochen, ob ich nicht Skilanglauf ausprobieren will. Dann ging es ratzfatz“, berichtet die Athletin über ihren ungewöhnlichen Sportwechsel.
Als Ausdauertraining vom Rudern war ihr das Langlaufen nicht gänzlich unbekannt. Zunächst war jedoch unklar, ob ihre körperlichen Einschränkungen für eine Startberechtigung bei den Paralympics ausreichen würden. Nach der erfolgreichen Klassifizierung begann dann das intensive und zielgerichtete Training auf Skiern.
Radikale Entscheidungen für den Sport
Für ihre neu entdeckte Wintersportkarriere ordnete Marchand fortan alles unter. „Um mehr Zeit im Schnee zu verbringen, habe ich meine Festanstellung als Ärztin gekündigt und arbeite nur noch auf Honorarbasis ein paar Mal im Monat“, erklärt sie ihre radikale Entscheidung. Dem Rudern bleibt sie dennoch treu: „Um in der Sportförderung zu bleiben, rudere ich weiter. Im Sommer bin ich Europa- und Weltmeisterin geworden“, so Marchand, die zusätzlich eine Berufsunfähigkeitsrente erhält.
Nach nur 14 Monaten intensivem Training qualifizierte sich die Kölnerin im zweiten Winter ihrer noch jungen Langlaufkarriere erst vor wenigen Wochen für die Paralympics – genau 14 Jahre nach ihrer ersten Qualifikation für Olympische Spiele. „Sie ist sehr zielgerichtet“, sagt Bundestrainer Ralf Rombach über seine Athletin. „Sie hat sich sehr, sehr schnell entwickelt und große Fortschritte gemacht. Ich denke, ihre Vergangenheit hat ihr da sehr gut geholfen.“
Medaillenchancen und Zukunftsperspektiven
Bei den diesjährigen Weltcups im Januar und Anfang Februar in Finsterau und im polnischen Jakuszyce erreichte Marchand in den Klassik-Rennen die Plätze fünf, vier und zwei. Für eine Medaille bei diesen Paralympics müsse allerdings noch vieles zusammenpassen, schätzt sie selbst realistisch ein. In Italien startet Marchand am Dienstag im Klassik-Langlauf Sprint und am Mittwoch auf den 10 Kilometern klassisch – eine Disziplin, die ihr koordinativ leichter fällt.
Viele ihrer paralympischen Konkurrentinnen sind zweigleisig unterwegs, starten auch in der Skating-Technik und greifen zusätzlich zum Gewehr für den Biathlon. „Biathlon ist noch kein Thema, da ich im Skating immer komplett hinterherfahre. Aber ich schiele schon immer auch ein wenig aufs Gewehr. Vielleicht dann nach den Spielen“, verrät die ambitionierte Athletin. Bevor sie jedoch neue Ziele ins Visier nimmt, steht zunächst der historische Moment im Mittelpunkt: das Schreiben von Sportgeschichte auf der Loipe.



