Winter-Paralympics: Team D startet zwischen Konflikten und Medaillenhoffnungen
Die 14. Winter-Paralympics in Italien stehen im Zeichen politischer Spannungen und ungewöhnlicher Rahmenbedingungen. Während das deutsche Team mit 40 Aktiven und acht Guides das zweitgrößte Aufgebot in der Geschichte der Winter-Paralympics stellt, überschatten Konflikte und Proteste die sportlichen Wettkämpfe.
Eröffnungsfeier ohne Athleten-Einmarsch
Die Eröffnungsfeier im antiken Amphitheater von Verona wird historisch: Erstmals zum 50. Jubiläum der Winterspiele für Sportler mit Behinderung marschiert keine Nation mit Athleten ein. Stattdessen werden die Fahnenträger nur per Video auf einer Leinwand gezeigt, während Freiwillige die Nationalfahnen hereintragen.
Das Internationale Paralympische Komitee (IPC) begründet diese Entscheidung mit logistischen Herausforderungen, insbesondere den langen Reisezeiten zwischen den Wettkampforten Mailand, Cortina, Tesero und Verona. Doch hinter den Kulissen spielen auch politische Proteste eine Rolle: Mehrere Länder, darunter Deutschland, hatten angekündigt, nicht am Einmarsch teilzunehmen oder der Feier fernzubleiben – als Zeichen gegen die Zulassung russischer und belarussischer Sportler unter eigener Flagge.
Der Deutsche Behindertensportverband (DBS) wird nur mit Repräsentanten in der Arena vertreten sein. Paralympicssiegerin Anna-Lena Forster, die bei den letzten Spielen in Peking deutsche Fahnenträgerin war, bedauerte diese Entwicklung: „Für mich war das immer eine große Motivation, dort einzulaufen und die ganze Atmosphäre und Euphorie mit aufzusaugen“, sagte die 30-Jährige.
Spiele im Schatten weltweiter Krisen
IPC-Präsident Andrew Parsons muss in Italien nicht nur mit der ungewöhnlichen Eröffnung umgehen, sondern auch mit den weltweiten politischen Spannungen. Der seit vier Jahren andauernde Krieg in der Ukraine und neue Konflikte im Nahen und Mittleren Osten werfen ihre Schatten auf die sportlichen Wettkämpfe.
Nordische Paralympicssiegerin Anja Wicker, die zu ihrer vierten Paralympics-Teilnahme antritt, äußerte sich besorgt: „Wenn man Nachrichten liest und schaut, geht es ja um nichts anderes. Wirklich ärgerlich, dass eine neue Krise ausgebrochen ist und es irgendwie jedes Mal das Thema ist vor den Spielen und nicht der Sport im Vordergrund steht.“ Dennoch betonte sie ihren Fokus auf die sportliche Leistung nach vier Jahren intensiver Vorbereitung.
Herausfordernde Bedingungen für die Athleten
Die deutschen Sportler müssen sich nicht nur mit politischen Spannungen auseinandersetzen, sondern auch mit ungewöhnlichen Wetterbedingungen. Im nordischen Stadion von Tesero herrschen bei Temperaturen nahe der Zehn-Grad-Marke und strahlendem Sonnenschein alles andere als winterliche Verhältnisse.
Anja Wicker, Gesamtweltcupsiegerin im Para-Biathlon und Medaillenfavoritin, beschrieb die Situation als „tricky“: „Nur ein Grad wärmer nachts und wir haben die Suppe schon um 10.00 Uhr. Es wird ganz tricky werden, aber da müssen alle durch.“ Trotz der schwierigen Bedingungen bleibt ihr Ziel klar: „Natürlich will ich eine Medaille gewinnen.“
Deutsches Ziel: Platz unter den Top sechs
Für das deutsche Team gibt es keine konkrete Medaillenvorgabe, doch der Deutsche Behindertensportverband peilt einen Platz unter den besten sechs Nationen an. „Natürlich wollen wir sportlich in der absoluten Weltspitze dabei sein“, sagte DBS-Vorstandsvorsitzender Idriss Gonschinska.
Die Konkurrenz ist jedoch stark – sowohl im nordischen als auch im alpinen Bereich. Vor allem China hat durch die Ausrichtung der Spiele 2022 einen bemerkenswerten Aufschwung hingelegt und sich mit 61 Medaillen bei 78 Entscheidungen an die Spitze des Medaillenspiegels geschoben. Vor vier Jahren in Peking wurde Deutschland Siebter mit 19 Medaillen – ebenso viele wie bereits in Pyeongchang.
Das Paralympische Dorf in Cortina d'Ampezzo bietet den deutschen Athleten trotz aller Herausforderungen eine angenehme Unterkunft. „Das Dorf in Cortina ist schön. Es gefällt allen. Man fühlt sich wie auf dem Campingplatz. Wenn man die Mobile Homes verlässt, ist man direkt draußen“, heißt es aus dem deutschen Team.
Während die schwarz-rot-goldenen Wimpelketten im hinteren Drittel des Areals die deutschen Unterkünfte markieren, bleibt die deutsche Fahne bei der Eröffnungsfeier zwar sichtbar – doch ohne die traditionelle Präsenz der Athleten. Ein symbolträchtiger Start für Spiele, die einmal mehr beweisen müssen, dass der Sport trotz aller politischen Spannungen im Mittelpunkt stehen kann.



