Der Kindle Scribe Colorsoft ist das neue Flaggschiff unter Amazons E-Book-Readern. Mit einem nur 5,4 Millimeter dünnen Gehäuse versucht Amazon, mehrere Funktionen zu vereinen: Lesen, Schreiben und Zeichnen in Farbe. Unser mehrwöchiger Test zeigt jedoch, dass nicht alle Funktionen gleich gut beherrscht werden.
Technische Daten und Design
Der Kindle Scribe Colorsoft verfügt über einen elf Zoll (ca. 28 cm) großen E-Ink-Farbbildschirm und ist damit so groß wie ein iPad. Der Preis beginnt bei 650 Euro, was ihn deutlich teurer macht als Apples Einstiegstablet. Der Speicher beträgt in der Basisversion 32 Gigabyte (GB), gegen 50 Euro Aufpreis gibt es 64 GB. Das Gerät wiegt nur 390 Gramm und ist in Schwarz sowie einem dunklen Violett („Feige“) erhältlich. Eine Angabe zur Wasserfestigkeit fehlt, daher sollte man es nicht ins Schwimmbad oder die Badewanne mitnehmen.
Das Display nutzt E-Ink-Technologie, die Texte möglichst wie auf Papier aussehen lässt. iPads hingegen setzen auf OLED- oder LCD-Displays. Ein Vorteil von E-Ink ist die Akkulaufzeit: Amazon gibt „bis zu acht Wochen“ an, allerdings nur bei abgeschaltetem WLAN und Bluetooth und maximal einer halben Stunde Lesen pro Tag bei mittlerer Helligkeit. Bei intensiver Nutzung, wie im Test bei voller Helligkeit und viel Schreiberei, war nach zwei bis drei Tagen Aufladen nötig. Ein USB-C-Kabel wird mitgeliefert.
Webbrowser: Nur eine Notlösung
Ein Webbrowser ist versteckt eingebaut, aber nur als Notlösung brauchbar. Moderne Websites werden oft nicht richtig dargestellt: Die „New York Times“ meldet JavaScript-Probleme, von „The Verge“ ist nur eine rohe Vorschau zu sehen, und heise.de lädt langsam. Selbst wenn eine Seite lädt, macht das hakelige Scrollen den Besuch zur Tortur. Der Kindle kann blättern, aber Scrollen fällt ihm schwer.
Der Bildschirm: Besser als Papier?
Das herausragende Merkmal ist der große Farbbildschirm. Die Kombination aus E-Ink und Farbe ist noch relativ neu und teuer. Der Bildschirm glänzt mit einer ruhigen, augenschonenden Darstellung. Da E-Ink nur bei Änderungen aktiv wird, ist er sparsamer als LCD-Bildschirme. Die Farbdarstellung ist für diese Art von Bildschirm super, kommt aber nicht an Druckfarben oder OLED-Displays heran. Dafür spiegelt der Bildschirm nicht und wird bei Sonneneinstrahlung besser lesbar. Die Oberfläche fühlt sich beim Schreiben wie Papier an, mit spürbarer Friktion und einem Geräusch wie von einem Bleistift.
Schreiben und Notizen
Der „Scribe“ ist im Kern ein digitaler Notizblock. Es stehen 30 Vorlagen zur Verfügung, vom Collegeblock bis zum Notenpapier. Mit verschiedenen virtuellen Schreibwerkzeugen (Bleistift, Füller, Textmarker) kann man in neun Farben plus Schwarz schreiben und zeichnen. KI-Funktionen sollen den Mehrwert liefern: Handschriftliche Notizen können zusammengefasst oder in digitale Schreibschrift umgewandelt werden. Das klappt aber nur bei leserlicher Handschrift.
Word-Dokumente und PDF-Dateien lassen sich mit Anmerkungen versehen. Bei Word-Dateien werden Notizen als Boxen im Text platziert, bei PDF-Dateien arbeitet man auf dem Dokument, ohne den Seitenaufbau zu verändern. Der Import von Bilddateien war im Test problematisch: Nach Bearbeitung war das Bild nicht mehr sichtbar. Clouddienste wie Google Drive, OneDrive und OneNote können angebunden werden, was jedoch Vertrauen in Amazon erfordert – bei vertraulichen Daten sollte man dies kritisch prüfen.
Lesen mit dem Kindle Scribe Colorsoft
Als E-Book-Reader spielt der Scribe Colorsoft seine Stärken bei Büchern mit Illustrationen, Mangas oder Comics aus. Bei reinen Textbüchern kann der große Bildschirm jedoch zu sperrig wirken. Die Standardeinstellung hat zu lange Zeilen, was das Lesen erschwert. Wer die Schrift groß einstellt, kann als Weitsichtiger ohne Brille lesen, aber für das Lesen im Bett ist das Elf-Zoll-Format unhandlich.
Fazit
Der Kindle Scribe Colorsoft ist kein Tablet-Ersatz, da er keine Apps lädt, keine Videos zeigt und nur eingeschränkt im Web surft. Aber bei dem, was er tut, ist er herausragend. Die Stärken sind der exzellente E-Ink-Farbbildschirm, das Schreibgefühl wie auf Papier und die Integration von Clouddiensten. Die Nachteile sind der hohe Preis und die fehlende Wasserfestigkeit. Er ist ein Gerät für Menschen, die große Bücher oder Comics lesen, handschriftliche Notizen machen oder digitale Dokumente überarbeiten. Für spezielle Zielgruppen ist er interessant, aber der Preis von über 600 Euro ist hoch.



