Wismar – Nach der Freilassung eines Buckelwals in der Ostsee wachsen die Zweifel an den Angaben der beteiligten privaten Initiative. Der am Tier befestigte Sender sende zwar keine Ortsdaten, aber Vitalzeichen – diese Aussage wird von Experten zunehmend infrage gestellt. Das Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW) erklärte, dass ein GPS- oder Satellitentracker üblicherweise keine Vitalzeichen im medizinischen Sinne liefere. „Echte Vitalparameter würden spezielle Sensorik voraussetzen“, so ein Sprecher.
Kritik von Greenpeace und anderen
Thilo Maack von der Naturschutzorganisation Greenpeace bestätigte, dass ein GPS-Tracker keine Vitaldaten erfasse oder übermittle. Welcher Sendertyp konkret verwendet wurde, teilten weder die Initiative noch Jeffrey Foster vom beteiligten Whale Sanctuary Project oder das Umweltministerium Mecklenburg-Vorpommerns mit. Das Ministerium erklärte lediglich, es lägen noch keine Daten vor und man warte ab.
Die Kleintierärztin Kirsten Tönnies von der Privatinitiative gab an, der Tracker sei am Tier festgeschraubt worden. Meeresbiologe Boris Culik, ehemals am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel, erläuterte, dass der Sender üblicherweise mittels Durchstich an der Rückenfinne befestigt werde, da er nur an der Wasseroberfläche Daten liefere. Ein so befestigter Tracker könne keine Vitaldaten wie Herz- und Atemfrequenz ermitteln, erklärte Maack.
Fehlende Tests vor dem Einsatz
Tönnies räumte ein, dass der Tracker vor der Freisetzung nicht noch einmal getestet wurde. Aus Expertensicht ist das unüblich und unverständlich. „Eine Funktionsprüfung vor dem Einsatz wäre aus fachlicher Sicht üblich und zu erwarten gewesen“, hieß es vom ITAW. Walforscher Fabian Ritter nannte es eine „Katastrophe“, falls der Peilsender keine Daten liefere. „Man muss hier wirklich von Fahrlässigkeit sprechen“, so Ritter.
Die Allgemeinheit kann das Schicksal des Wals ohnehin nicht verfolgen: Die Informationen stünden nur den Teammitgliedern und dem Umweltministerium zur Verfügung, hatte die Initiative erklärt. Der dänische Meeresbiologe Peter Madsen von der Universität Aarhus bezeichnete dies als „sehr seltsam und unprofessionell“.
Ungewisse Zukunft des Wals
Sollte es weiterhin keine Daten geben, könnte das Schicksal des Wals für immer ungeklärt bleiben. „Ohne zu wissen, wo sich das Tier befindet, und ohne zu wissen, dass es sich bewegt, lässt sich unmöglich sagen, ob es tot ist – womit die gesamte Aktion umsonst und Tierquälerei gewesen wäre“, sagte Madsen. Genauso ließe sich nie sagen, dass es noch lebt. „So oder so hat die Öffentlichkeit ein Recht darauf, dies zu erfahren.“
Ohne Daten lasse sich die Mission nicht als erfolgreich oder fehlgeschlagen bezeichnen, betonte Ritter. „Das kann sich das Team nicht wünschen und es wäre auch für die deutsche und internationale Öffentlichkeit eine bittere Erkenntnis.“ Der mehrfach an der Ostseeküste gestrandete Buckelwal war am Samstagmorgen ins Meer gesetzt worden. Bisher ist unbekannt, ob er noch lebt, wie es ihm geht und in welche Richtung er schwimmt. Experten von Tierschutzorganisationen hatten die langfristigen Überlebenschancen des Wals als sehr gering eingeschätzt.



