Prignitzer Bürgerinitiativen erhöhen Druck auf Landräte in Windkraft-Debatte
In einer bemerkenswerten Mobilisierungswelle haben sich Bürgerinitiativen aus den Landkreisen Prignitz, Ostprignitz-Ruppin und Oberhavel zusammengeschlossen, um gegen die aktuelle Windenergieplanung zu protestieren. Die Aktivisten kritisieren insbesondere den Entwurf des Regionalplanes Windenergienutzung der Regionalen Planungsgemeinschaft Prignitz-Oberhavel und fordern eine grundlegende Änderung der Berechnungsmethodik.
Demonstrationsreihe vor Landratsämtern gestartet
Am Donnerstag, dem 5. März 2026, begann um 16 Uhr vor der Prignitzer Kreisverwaltung in der Berliner Straße in Perleberg eine Demonstrationsreihe, die gezielt die Büros der Landräte Christian Müller (Prignitz), Ralf Reinhardt (Ostprignitz-Ruppin) und Alexander Tönnies (Oberhavel) ins Visier nimmt. Die weiteren beiden Termine dieser ungewöhnlichen Protestaktion stehen zwar noch nicht fest, doch die Initiatoren zeigen sich entschlossen.
„Wir appellieren an unsere Landräte, sich im Sinne ihrer Bürger zu engagieren und ihnen nicht den bereits geleisteten Beitrag zur Energiewende zu verwehren“, erklären Anne Petrick von der Bürgerinitiative „Windkraft mit Ab- und Verstand“ Rosenhagen-Burghagen-Düpow sowie Fariba Nilchian von der Interessengemeinschaft Hohe Heide. Beide fungieren als Initiatoren für die Perleberger Demonstration.
Kernforderung: Anrechnung bestehender Windkraftanlagen
Im Zentrum der Proteste steht die Forderung, dass die Planungsgemeinschaft in ihrem Regionalplan die bereits existierenden Windkraftanlagen vollständig anrechnen muss. Nur so könne das Flächenziel von 1,8 Prozent bis 2027 und 2,2 Prozent bis 2032 erreicht werden, ohne zusätzliche Gebiete ausweisen zu müssen.
„Die Landräte können als Vorsitzende der Regionalen Planungsgemeinschaft entscheidenden Einfluss darauf nehmen, dass der hohe Bestand an Windkraftanlagen in unserer Region zum Erreichen des Flächenziels herangezogen wird“, betont Anne Petrick, die die Demonstration für Perleberg angemeldet hat. „Die Neuausweisung von Windindustriegebieten würde dadurch erheblich verringert oder sogar insgesamt vermieden.“
Regionalplan ignoriert fast die Hälfte der Bestandsanlagen
Der aktuelle Entwurf des Regionalplans bezieht alarmierende 46 Prozent der bestehenden Windkraftanlagen nicht in die Berechnungen ein. Bereits im November 2025 hatte Perlebergs Bürgermeister Axel Schmidt bei der Regionalversammlung den Antrag gestellt, die Bestandsanlagen einzurechnen – ein Vorstoß, der damals abgelehnt wurde.
Stattdessen wurde ein sechsköpfiger Fachausschuss gebildet, der sich mit diesem Antrag beschäftigen soll. Aus dem Umfeld der Bürgerinitiativen ist zu erfahren, dass dieser Ausschuss bereits getagt hat und dabei ist, letzte Fragen zu klären, um den Antrag der nächsten Regionalversammlung zur Abstimmung vorzulegen.
Teilerfolge und anhaltende Kritik am Moratorium
Die Bürgerinitiativen können bereits kleine Erfolge verbuchen: Die Vorranggebiete Seetz-Mankmuß in der Gemeinde Karstädt und Sommerfeld-Neuendorf im Landkreis Oberhavel wurden aus dem Entwurf des Regionalplanes gestrichen.
Doch die jüngste politische Entwicklung gibt den Aktivisten nur teilweise Recht. Vor zwei Wochen demonstrierten sie noch vor dem Brandenburger Landtag in Potsdam für ein Windkraft-Moratorium – ein Vorhaben, das in der vergangenen Woche von der neuen Koalitionsregierung aus SPD und CDU tatsächlich verabschiedet wurde.
„Leider ist das Windkraft-Moratorium nur in einer sehr abgeschwächten Form beschlossen worden“, bemängelt Fariba Nilchian. „Weder die zahlreichen Anträge des vergangenen Jahres, noch die aktuell beim Landesamt für Umwelt vorliegenden Anträge sind von der Aussetzung der Genehmigung betroffen.“
Das beschlossene Moratorium besagt, dass in drei von fünf Planungsregionen – darunter Prignitz-Oberhavel, Oderland-Spree und Lausitz-Spreewald – bis Ende Januar 2027 keine neuen Windenergieanlagen außerhalb ausgewiesener Windenergiegebiete mehr genehmigt werden dürfen. Kritisch ist jedoch, dass laufende Genehmigungs- und Vorbescheidsverfahren außerhalb der Vorranggebiete nicht erfasst werden und daher trotz Moratorium weitergeführt werden können.
Nach aktuellen Informationen betrifft diese Ausnahmeregelung etwa 1000 Windkraftanlagen im gesamten Land Brandenburg. Anne Petrick aus Rosenhagen präzisiert: „In der Prignitz handelt es sich dabei um 153 Anlagen, die nicht von dem Moratorium erfasst sind.“
Die Demonstrationen markieren somit nicht das Ende, sondern vielmehr den Beginn einer intensivierten Auseinandersetzung um die Zukunft der Windenergie in der Region. Die Bürgerinitiativen zeigen sich entschlossen, ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen und die politischen Entscheidungsträger direkt zur Verantwortung zu ziehen.



