Biberbegegnung in Vorpommern: Als der Nager auf meine Familiengeschichte schnaubte
In den Feuchtgebieten unweit von Anklam in Vorpommern nutzen Biber bereits die Nachmittagsstunden für ihre Nahrungssuche. Ein etwas kauzig wirkender Riesennager hatte seine Burg gegen 15 Uhr verlassen und saß auf einer Straße, die beidseitig von Sumpfland umgeben ist. Als der Biber zum Südufer wechselte, fuhr ich mit meinem Jeep zu der Stelle. Tatsächlich graste der Pelzträger nur zehn Meter von meinem Standort entfernt völlig frei auf der Straßennebenfläche.
Zwiesprache mit einem geduldigen Zuhörer
Mir gelangen dutzende Fotos aus dem Jeep heraus. Als ich die Tür öffnete und ausstieg, erzählte ich dem Biber von meiner Vergangenheit: 1975 war ich als hauptamtlicher Naturschutzwart beim Rat des Bezirkes Neubrandenburg tätig und hatte seine Vorfahren in Sachsen-Anhalt mitgefangen. Zusammen mit dem Fangkollektiv setzten wir die Biber anschließend im Peenetal aus. Ende der 1970er-Jahre musste ich die Tiere zwischen Jarmen und Anklam erfassen und entdeckte dabei die ersten Biberburgen in Norddeutschland in dieser Region.
Der Biber hörte sich geduldig meine Geschichte an. Doch plötzlich lief er auf mich zu. Etwas mulmig wurde mir dann schon, denn unvermittelt fing er an zu schnauben. Vielleicht war er auch etwas verärgert, weil er meine Erzählung missverstanden hatte. Jedenfalls war ich doch etwas verdutzt, denn vollkommen harmlos sind Europas größte Nagetiere nicht. Ihre gewaltigen Zähne werden zur Verteidigung eingesetzt und können Menschen böse Verletzungen zufügen, ähnlich wie im Mittelalter bei der Baujagd mit Stöberhunden.
Gefährliche Begegnungen und kuriose Geschichten
Ein Naturfreund in Sachsen-Anhalt erhielt zwei durch den Straßenverkehr verletzte Biber zur Pflege. Zuerst ein Tier und nach einigen Tagen das zweite Exemplar. Der Naturfreund setzte sie zusammen, was keine gute Idee war, denn die grimmigen Eigenbrötler verbissen sich ineinander. Der kräftige Mann ging dazwischen, um die Raufbolde zu trennen. Einer der kampffreudigen Gesellen biss ihm dann in den Bauch, und er musste schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert werden.
Doch so weit kam es hier auf der Straße nicht. Die bucklige Gestalt lief nur zwei Meter am Jeep vorbei und querte die Straße, um dann ganz ohne Deckung am angrenzenden Schilfrand intensive Fellpflege zu betreiben. Noch kurioser war die Geschichte eines Bewohners dieser Ortschaft. Auch er hatte einen Biber gesehen und ihn vom Fahrzeug aus beobachtet. Plötzlich lief der Biber direkt unter sein stehendes Auto. Um den Nager nicht zu verletzen, schaute der Mann unter seinen Transporter, doch das Tier war nicht mehr darunter.
Mehr als fünf Jahrzehnte Biberforschung
Mehr als 50 Jahre lang beschäftige ich mich mit dem Elbebiber, wissenschaftlich Castor fiber albicus, einer Unterart des euroasiatisch verbreiteten Bibers Castor fiber. Ich vermute, dass einige Tiere dieser Population im zurückliegenden Winter große Schwierigkeiten hatten, an Weidennahrung zu kommen. Von den fünf jüngst registrierten Exemplaren sahen drei sehr abgemagert aus. Man kennt das von den kanadischen Bibern, dass bei großer Kälte ganze Familien in den Burgen einfrieren und verhungern, wenn sie nicht mehr an ihre Nahrungsflöße außerhalb der Burg gelangen.
Läuft alles gut, dann können Biber bis zu 25 Jahre alt, 35 Kilogramm schwer und 1,35 Meter lang werden. Wer dem wundervollen Klang der Umwelt lauschen und beim Anblick von Wildsäugern, Adlern, Silberreihern und Blühwundern Stress abbauen möchte, kann bei einer geführten Naturwanderung Kraft tanken. Anmeldungen sind unter der Telefonnummer 015156074311 möglich.



